Ausziehen für die Kunst

Spencer Tunick Installation documentation photographs by Valérie Luquette

Spencer Tunick ruft, 1700 Münchner kommen – und ich bin eine davon. Dieses Spektakel will ich mir nicht entgehen lassen. Dass Farbe ins Spiel kommt erleichtert die Sache natürlich ein wenig. Aber ob angemalt oder nicht, ich hätte auch so mitgemacht.

Es ist früher Samstagmorgen, genauer gesagt halb drei. Zusammen mit meinem Freund mache ich mich auf den Weg zum Treffpunkt, dem Marstallplatz unweit der Oper, mitten in der Münchner Innenstadt. Normalerweise sind um diese Uhrzeit die Straßen menschenleer, doch heute Nacht sieht man einige Menschen mit einem geheimnisvollen Grinsen im Gesicht in die Seitenstraße hinter der Staatsoper huschen. Auch wir eilen erwartungsvoll durch die Straßen und treffen schon bei erster Gelegenheit bekannte Gesichter: Kommilitonen von der Uni. Klar, kein angehender Kunsthistoriker will sich dieses Gelegenheit entgehen lassen und Teil eines einzigartigen Kunstwerks werden.

Goldmariechen: Julia Schattauer war bei der Aktion in München dabei

Am Marstallplatz hat sich schon eine halbe Stunde vor der ausgemachten Uhrzeit eine lange Schlange gebildet, doch glücklicherweise dauert es nicht lange bis wir unsere ausgefüllten Zettel, abgeben können die bestätigen, dass wir mindestens 18 Jahre alt sind und wir oder unsere Erben keinen Schadensersatz bei Verletzungen oder Todesfall fordern. Wir bekommen kleine weiße Döschen in die Hand gedrückt, welche mit goldener Farbe gefüllt sind. Gut so, ich hätte mich sowieso nicht entscheiden können welche Farbe ich lieber will.

Nach Farben getrennt können wir es uns nun erst einmal auf dem Boden bequem machen. Jetzt heißt es warten. Nach und nach trudeln immer mehr Freiwillige ein. Wir sind eine bunt gemischt Gruppe von 18- bis 80-jährigen, ungefähr gleich viele Männer und Frauen. Langsam ergeben sich erste Plaudereien. Ich ertappe mich dabei, dass ich den Kontakt zu den Anderen etwas scheue. Die Aussicht, dass man sich gleich genau neben diesen Leuten nackt ausziehen und mit Farbe einreiben soll, schüchtert mich ein bisschen ein.

Zum Warten kommt die Kälte und die Müdigkeit. Da mein Freund vorher ein Konzert gespielt hatte, sind wir direkt zum Treffpunkt ohne vorher zu schlafen, an dicke Jacken oder Decken haben wir auch nicht gedacht. Aber mit ausreichend Energydrinks, Kaffee und Cola lässt sich zumindest die Müdigkeit besiegen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit ist von den Bedenken und dem Schamgefühl nichts mehr übrig, jetzt überwiegt die pure Ungeduld: Ich will, dass es endlich losgeht!
Um viertel nach vier wird unser geduldiges Warten belohnt: Spencer Tunick steigt auf eine Leiter und begrüßt uns mit dem Megaphon. Er bedankt sich für die Teilnahme und erklärt uns das weitere Vorgehen. Wer vorher dachte, dass er mit ein bisschen Farbe am Körper davon kommt, wird eines besseren belehrt: Nicht nur das ganze Gesicht inklusive Augenlider, auch die Haare, Achseln und Fußsohlen müssen komplett mit Farbe bedeckt sein. Anfangen dürfen die „Roten“, wir „Goldenen“ müssen uns weiter gedulden und dürfen erst beginnen, wenn auch für uns der Startschuss fällt.

Spencer Tunick Installation documentation photographs by Valérie Luquette

Auf Kommando beginnen die Menschen auf der anderen Seite sich auszuziehen, sofort ist die Luft von Gekicher und Lärm erfüllt. Innerhalb kürzester Zeit verwandelt sich die eine Hälfte des Platzes in ein blutrotes Massaker. Nachdem alle fertig angemalt sind, macht sich die rote Truppe von rund 700 Leuten unter frenetischem Applaus auf den Weg zum Odeonsplatz um dort mit den Shootings zu beginnen. Für uns heißt es leider weiter warten. Zwei ältere Herren haben sich indes längst ihrer Kleidung entledigt und zeigen sich schon vorzeitig selbstbewusst in goldener Pracht. Mittlerweile ist die Sonne schon fast aufgegangen. Die Hoffnung, sich im Schutz der Dunkelheit zu entblößen ist dahin, aber das ist mir mittlerweile total egal.

Erst gegen 6 Uhr heißt es auch endlich für uns „Ausziehen!“. Und das lässt sich nun keiner mehr zweimal sagen. Innerhalb kürzester Zeit sind alle Klamotten vom Leib gerissen und es geht ans Bemalen. Die Farbe ist glitschig und vor allem eiskalt. Jeder hilft jedem beim Beseitigen der noch hautfarbenen Stellen und schließlich erstrahlen alle in goldener Pracht. Ich fühle mich dabei ein bisschen wie eine dieser lebenden Statuen in den Fußgängerzonen.

Nachdem endlich alle so weit sind, gehen wir über die Maximilianstraße vorbei an den Nobelkaufhäusern, Schaulustigen und einer Riesenmenge an Presseleuten, hinüber zur Oper. „Völlig abstrus“, denke ich. Ich fühle mich fernab der Realität und trotzdem gut, eigentlich sogar ganz wohl, trotz der Kälte. In Dreiereihen müssen wir einen Ring um die Statue von Max I. Joseph bilden, was angesichts der rund 1000 Menschen ein bisschen dauert. Spencer steht auf einer Hebebühne und gibt uns und seinem Team weitere Anweisungen. Er treibt uns an, fordert seine Mitarbeiter auf an einigen Stellen einzugreifen oder Farbe nachzubessern.

Spencer Tunick Installation documentation photographs by Valérie Luquette

Nachdem alle richtig stehen, gibt uns der Fotograf die Anweisung, uns rückwärts umfallen zu lassen. Dabei sollen wir uns fühlen wie richtige Goldbarren. Nach der Bekanntschaft mit einigen spitzen Steinen und Glasscherben am Boden ahne ich, dass das unangenehm werden kann. Nach drei Versuchen hat fast jeder kleinere Blessuren (jetzt verstehe ich auch, was wir im Vorhinein überhaupt unterschrieben haben), aber alle bleiben tapfer und machen weiter mit. Jetzt müssen wir am Boden liegen bleiben. Ich befinde mich glücklicherweise am äußeren Rand, das heißt weder ich muss meinen Kopf in den Schoß einer anderen Person legen, noch liegt ein Kopf in meinem Schoß. Glück gehabt.

Jetzt stoßen auch die Roten zu uns, wir öffen den Kreis und lassen sie in unsere Mitte. Die Sonne geht strahlend über dem Dach der Oper auf, die Stimmung schwankt zwischen ausgelassener Freude und andächtiger Stille. Gänsehautfeeling und ein tolles Bild. Zusammen mit den Roten machen wir dann noch weitere Aufnahmen vor der Oper, leider ist es mittlerweile recht bewölkt und immer noch sehr kalt. Langsam lässt die Euphorie nach und es wird anstrengend. Spencer teilt uns mit, dass er nach dem Shooting mit 100 Leuten im Inneren der Oper weiter fotografiert und es zudem am nächsten Morgen ein weiteres Shooting an der Isar, nur mit Frauen geben wird.

Ich bin jetzt einfach nur noch erschöpft und freue mich auf eine warme Dusche und ein kuscheliges Bett. Nach tosendem Applaus für alle Anwesenden machen wir uns auf den Weg zurück zum Marstallplatz. Einige nutzen die Gunst der Stunde und tanzen nackt vor der Polizei, die dies mit einem milden Lächeln kommentiert – wohl auch ein einmaliges Erlebnis. Wir ziehen uns schnell etwas über und gehen mit vielen anderen bunten Menschen zur U-Bahn. Als wir dann als einzige angemalt in der U-Bahn sitzen, wird mir erst wieder bewusst, wie verrückt wir für nicht Eingeweihte aussehen müssen und können uns das Lachen nicht verkneifen.

Zwei Tage nach der ganzen Aktion liege ich mit einer Erkältung im Bett, meine komplette Wohnung glitzert und meine Dusche hat einen sehr trendigen Metallic-Look, ebenso meine Kopfhaut. Man sieht: Spencer Tunick hat seine Spuren hinterlassen, auch in der Stadt. Die Löwen an der Feldherrnhalle am Odeonsplatz sind noch immer voll roter Farbe. Und jedes mal wenn ich vorbei gehe, kann ich mir das Grinsen nicht verkneifen. Ich war dabei!

Als nächstes ist Spencer Tunick übrigens wieder in Deutschland unterwegs und zwar in Berlin. Also Augen und Ohren offen halten!

Spencer Tunick Installation documentation photographs by Valérie Luquette

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