This article is also available in Englisch

Zugegeben, noch immer lasse ich mich von schillerndem BlingBling, schrillen Farben, glitzernden Oberflächen, schmantigem Farbauftrag, überhaupt Materialorgien und allerhand ChiChi blenden, wie ein Neugeborenes, dass eben nur Licht und Kontraste erkennen kann und den Blick für feinere Konturen und Geschmacksmuster erst noch entwickeln wird. Das ziemt sich nicht für eine Frau mittleren Alters die im Kunstbetrieb agiert und sich doch bitte besser mit dem Stoffbeutelchen eines angesagten skandinavischen Designers auf Vernissagen blicken lässt, als mit einer It-Bag in kreischendem Neongelb.
Über Künstler, die mit poshen Fashionlabels zusammenarbeiten wird auch gerne gelästert. Dass DER DAS nötig hat und sich für so etwas Kommerzielles hergibt, der wird aber sicher sehr gut dafür bezahlt!
Doch die Versuchung ist sicher nicht nur in finanzieller Hinsicht groß, sehr groß. Salvador Dalí, Man Ray, Marc Chagall, Bernard Buffet, Paul Strecker, Jean Cocteau und nun auch Anselm Reyle haben mit DIOR zusammengearbeitet. Nicht die schlechteste Riege, in die man sich einreiht. Gegen den Besitz eines Werkes von Anselm Reyle ist formal nicht wirklich etwas einzuwenden, klar es ist wie immer auch Geschmackssache und scheidet die Geister – doch was wenn das Werk eine Clutch ist, in Serie erstellt und dazu mit klar erkennbarem Branding, und damit eine Geste, die zumindest in gebildeten Kreisen zutiefst verpönt ist?
Im Dior Pop Up Store auf der ART Basel in Miami sah man, welche Damen der Versuchung nicht widerstehen konnten, alle Bedenken über Bord warfen und erbarmungslos zugeschlagen haben. Natürlich verrate ich Ihnen an dieser Stelle nicht was ich getan habe, und wahrscheinlich wird mein Fang in meiner Taschensammlung landen, die in einem ganzen Schrank beherbergt wird. Ich werde das Objekt der Begierde einmal täglich ansehen, das tun was ich mit Kunstwerken trotz starken Dranges nicht tun darf, nämlich Nase dran halten und es herzen, still und heimlich – MEIN SCHAAAATZ flüstern und das gute Stück im schlodderigem Stoffbeutel durch die Vernissagen mogeln, beim anschließenden Dinner der befreundeten Galeristin zeigen, die sich ihre Begeisterung offiziell nicht anmerken lassen wird. Ich werde das gute Stück im Club an der Garderobe abgeben, wäre ja zu schade, wenn das Objekt in einem unachtsamen Moment klammheimlich die Besitzerin wechseln würde.
Lieber Beichtvater der heiligen Kirche der Kunst, ich schlage Dir folgenden Ablasshandel vor: ich lerne Marcel Prousts “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” auswendig und meine Sünde wird mir vergeben, ja?
Interview mit Anselm Reyle in der ZEIT , Beitrag in der VOGUE
Interview with Anselm Reyle at DAZED








Ich kaufe zwar keine Damenhandtaschen, ABER meinen Segen haben Sie!