Castor und Pollux: Das Schlußwort

An dieser Stelle meldet sich einmal im Monat Matthias Planitzer, Autor des Blogs für zeitgenössische Kunst Castor und Pollux zu Wort und seziert für uns die Kunstwelt in Berlin. In dieser Ausgabe schaute er sich jedoch in Wien um und besuchte die Ausstellung “Post Natura” in der Galerie Mario Mauroner.

So viel ist über unsere europäischen Nachbarn sicher: Man mag sich wie Gott in Frankreich fühlen, doch in Wien kommt man zur Einkehr. Zwar sind die dolce vita weiter im Süden und das savoir-vivre weiter im Westen beheimatet, doch auch der Österreicher kennt seine ureigene, schwelgende ars vivendi. Ob in der pittoresken Innenstadt oder in den lebhaften Kaffeehäusern, allerorts frönt man dem Leben und seinen vielfältigen Genüssen. Wer jedoch dieser Tage neugierigen Blickes hinter die hochglanzpolierten Schaufenster sieht, wird unter Umständen ein gänzlich anderes Bild vorfinden: Morbide Kunst stört des Wieners sonniges Gemüt.

Denn hinter den Fenstern der Galerie Mario Mauroner hat Javier Pérez für seine Ausstellung “Post Natura” seine Installationen, Objekte und Fotografien platziert. Blut, Fleisch und Knochen sind die Materialien des Spaniers. Wenn man genauer hinsieht: Glas, Polyesterharz und Bronze. Denn Pérez’ bewirkt in seinen Arbeiten genau das: Er transformiert unbelebte in organische Materialien. Schwülstige Metaphern und klassische Symbole helfen ihm dabei.

Javier Pérez: CARROÑA, Foto: courtesy MAM - Mario Mauroner Contemporary Art

Bereits das schillernde “CARROÑA”, zu Deutsch: “Aas”, erzählt viel von Pérez’ Sujets und Techniken. Ein blutroter, gläserner Kronleuchter liegt zerschellt am Boden. Dieses Kitschobjekt sonder gleichen –: florale Ornamente in Glas gegossen und zu billigem Pomp angehäuft, versinkt da wie ein schillernder Plastikrubin in dem grauen, kalten Beton, als habe hier seit den Siebzigern keiner mehr aufgeräumt. Glasscherben liegen umher, unter unachtsamen Sohlen knirscht es spitz. Ein Trauerbild, aber keines, an dem man Anteil nähme. Einige Raben sitzen in seinen Ästen, einige flattern aufgeregt mit ihren Flügeln, andere picken an dem elenden Kadaver, reißen Stücke heraus und verschlingen sie gierig.

Wenige Meter weiter baumeln zwei im gemeinsamen Tanz verschlungene Skelette an blutrot gefärbtem Pferdehaar von der Decke. Die polyesterharzenen Knochen üben sich langsam kreisend im Walzer, die passende Begleitung kommt von der Spieluhr wenig entfernt, in der ein ungleiches Paar Damenschuhe ebenfalls seine Runden dreht. Auch hier liegt eine morbide Stimmung in der Luft, wiegt schwer und schwülstig und erstickt selbst die aufkeimende Leichtigkeit, die von dem zarten Glockenspiel der beständig laufenden Spieluhr ausströmt.

Javier Pérez: Trans (formaciones) II, Foto: courtesy MAM - Mario Mauroner Contemporary Art

Javier Pérez arbeitet in “Post Natura” mit einer sehr direkten Symbolik: Schädel, Skelette, Blut, Aas und Haut zeichnen immer wieder dasselbe morbide Bild der Verwesung und der Vergänglichkeit. So viel drückendes memento mori und unumständliches Vanitas sieht man nur noch selten, zumal in einem solchen Kontrast zum blühenden Leben der Wiener Innenstadt. Pérez bedient sich auch offen christlicher und liturgischer Zeichen. So ist etwa der verdorbene, gefallene Engel in “Trans (formaciones) II” so abstoßend geschaffen, daß erst ein genauer Blick die beruhigende Erkenntnis bringt, daß seine pergamentene Haut nicht die eines Menschen sein kann. Dagegen ist bei den fast sechzig bronzenen Schädeln, mit denen Pérez einen gut zehn Meter messenden Rosenkranz bestückte, nicht klar, ob es sich um Abgüsse echter Schädel oder frei gestaltete Exemplare handelt.

Man könnte Pérez Provokation unterstellen. Daß es ihm um die Schockwirkung ginge. Doch er ist nicht wie ein Hermann Nitsch oder Jon Johns, der kürzlich in der Berlin RISE Gallery zur Freude der vielen Schaulustigen mit eigenem Blut arbeitete. Das wäre zu plump. Denn schockieren können solche Dinge längst nicht mehr. Javier Pérez widmet sich lieber der Symbolik und Metaphorik dieser längst abgegriffener Motive und rettet, was noch zu retten bleibt. Der grausame Kontrast zwischen Leben und Tod wird bei Pérez zum Schlußakkord des viel zu antiquierten Vanitas-Motives, das sich hier nun final überspitzt.

Javier Pérez: Corona, Foto: courtesy MAM - Mario Mauroner Contemporary Art

So wird immerhin der Blick auf die Techniken frei, mit denen der Spanier seine Werke erschaffen hat. Sei es etwa das aufwendige Glasgeflecht, das sich in “Corona” zu einer transparenten Dornenkrone schlingt, die detailreichen und anatomisch einwandfreien Bronzeschädel oder die mit Hingabe vernähten Häute – insofern sind Pérez’ Arbeiten echte Hingucker. Wenn man noch einmal mit offenen Augen durch “Post Natura” geht, fühlt man sich bald wie in einem Kuriositätenkabinett, das nicht etwa vorrangig unheimlich, sondern wenigstens gleichermaßen bezaubernd ist.

Mit einem Mal entfalten die vormals abstoßenden Skelette und anderen Knochen-, Fleisch- und Blutarbeiten eine unerwartete Schönheit, die sich fern von ihrer symbolischen Schwere leicht erhebt.Denn darin liegt vielleicht das Geheimnis der morbiden Kunst Javier Pérez: Nur auf den ersten Blick vermögen sie die Wiener Lebenskultur stören. Denn eigentlich fügt sie sich mit ihrer Liebe zum Schönen geschmeidig in das Hauptstadtbild ein.

Die Ausstellung “Post Natura” von Javier Pérez kann noch bis zum 18. Mai in der Wiener Galerie Mario Mauroner besucht werden.

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