Castor und Pollux: Das Schlußwort

An dieser Stelle meldet sich einmal im Monat Matthias Planitzer, Autor des Blogs für zeitgenössische Kunst Castor und Pollux zu Wort und seziert für uns die Kunstwelt in Berlin. In dieser Ausgabe: die Ausstellung “Greatest show on earth” in der Galerie Klemm’s.

Als die Beatles 1967 “Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” veröffentlichten, schlossen sie die erste Seite der ungewohnt verspielten und ausgelassenen LP mit dem zunächst ein wenig seltsam anmutenden Lied “Being for the Benefit of Mr. Kite!”. Begleitet von Jahrmarktsgeräuschen singt Lennon im tiefen Brustton etwa:

“The Hendersons will dance and sing as Mr. Kite flies through the ring – don’t be late! Messrs. K. and H. assure the public their production will be second to none. – And of course Henry the Horse dances the waltz!”

Lennon vertonte hierin weitestgehend den Text eines Zirkusplakats aus dem 19. Jahrhundert, fing so die einzigartig bezaubernde Wirkung der wundersam schillernden Artisten und Sensationen ein. Vollmundige Ankündigungen geheimnisvoller Taten und unglaublicher Attraktionen bilden die textliche Grundlage des Liedes, Jahrmarktsorgel, Harmonium und Glockenspiel die instrumentelle.

Sven Johne: Filmstill aus "Greatest show on earth", Foto: courtesy Klemm's

Ähnliches geht dieser Tage in der Galerie Klemm’s vor sich: Der Raum schwillt vor zuckerwattigen Geräuschen und sägemehligen Gerüchen. Zumindest in lebhafter Imagination. Hier springt zwar kein Löwe durchs Feuer und auch kein Akrobat schwingt sich durchs Gebälk, doch viel fehlt dazu nicht mehr: Sven Johne geht in seiner Einzelausstellung “Greatest show on earth” dem phantastischen Phänomen des Zirkus auf den Grund. Für Johne ist es ein wichtiger Teil einer Kindheitserfahrung:

“1984 war ich das erste Mal im Zirkus, ein Gastspiel des berühmten Zirkus Probst, eine großartige Show. Ich hatte so etwas noch nie gesehen, hier schien die Schwerkraft überwunden und wilde Tiere waren folgsam und sanft. 2011 tourt dieser Zirkus wieder, von Anfang März bis Mitte November. Es ist seine 66. Tournee. Sie führt ihn diesmal durch ganz Ostdeutschland, in über 50 Städte und Dörfer, etwa 4.000 Kilometer. Ich werde diesem Zirkus folgen, werde in jede Stadt und in jedes Dorf reisen – aber erst kurz nachdem das Chapiteau wieder abgebaut ist. Ich bin erst da, wenn der Platz schon wieder leer ist.”

Sven Johne: Following the Circus, Foto: courtesy Klemm's

Daraus entstand die Fotoreihe “Following the Circus”, die das Kernstück der Ausstellung ausmacht. Chronologisch und akkurat aneinander gereiht schlängeln sich die Aufnahmen einmal durch den ganzen Ausstellungsraum. Am Ende des Bandes verraten einige unbehangene Nägel, daß noch Fotos folgen werden. Denn Sven Johne reist noch immer dem Zirkus Probst hinterher, sucht seine Spielplätze auf und dokumentiert seine Funde. Mit prägnanten Angaben archiviert er seine stetig wachsende Kartei: “Zirkus Probst / Mühlhausen (Thüringen) / 1.-3. Oktober 2011 / Festplatz Industriestraße – 4. Oktober 2011“. Es folgen Sondershausen, Apolda, Weißenfels, Jena. Jeweils ein Foto von nicht viel mehr als einem leeren Platz. Oftmals Wohnhäuser im Hintergrund, gelegentlich auch ein Sportplatz. Spuren im Sand sind die einzigen Hinweise auf den Zirkustross, der immer einen Tag Vorsprung hat.

Wie in ein Jäger liest Sven Johne in den Spuren im Sand, mitunter auch wie ein Orakel. Dann erzählt er in analytischer Nüchternheit von einem nomadischen Spektakel, das immerfort in der Ferne weilt, kaum niedergelassen gleich wieder aufbricht. Von einem Spielort zum anderen, vor wechselnder aber immer gleich bleibender Kulisse zieht der Zirkus Probst in seinen Bildern. Ein Kindheitstraum, der heute seinen Glanz verloren hat, liegt in diesem Glücksversprechen, das bei Johne nie eingehalten aber auch nie tatsächlich eingegangen wird. Der Zirkus ist abgereist, das Leben geht weiter. Nach dieser kurzen Aufregung entfaltet sich wieder der kleinstädtische, oftmals dörfliche Geist und legt sich wie ein stummer Nebelschleier über ostdeutsche Ortschaften wie Merseburg oder Mittweida.

Ausstellungsansicht "Greatest show on earth", Foto: courtesy Klemm's

Im Hintergrund läuft das mehr als zwanzigminütige Video “Greatest show on earth” auf Dauerschleife. Ein Anheizer steht im Rampenlicht. Er kündigt einem im Dunkel verborgenen Publikum die folgenden Attraktionen an. Da ist etwa Seppo Olikan, der finnische Mückendompteur. Messerwerfer Mahmoud Meki und sein Assistent, “Guido, das dumme Schwein” wird auftreten. Die sich liebenden Entfesselungskünstler Mas-Saï und Iga-Rashi werden gegen den Tod durch Ertrinken kämpfen. Zum Khatara wird mit seiner Duftorgel auftreten und “ein alexithymer Mensch”, ein psychisch Kranker, für Unterhaltung sorgen.

“Ara, Octans, Chamaeleon, Triangulum Australe – es sind die schönsten Sternbilder des Südhimmels. Hier im Norden sind sie leider nicht zu sehen. Heute Abend schon! Hier oben. Der Traum vom Süden. Die Sterne, zum Greifen nah.”

In diesem Moment gelangt das Phantasma des Zirkus zu seiner innersten Wahrheit, dem greifbaren Glück. Doch alles ist bloßer Schein. Der Anheizer übertrumpft sich mit Superlativen, einer phantastischer als der andere. Sensationen und Attraktionen verlieren sich im Pathos der vollmundigen Versprechungen, Zweifel steigen auf. Denn seine Wirkung schwindet, auch das zeigt Sven Johne.

Der Zirkus gerinnt zum eiernden Leierkasten, der das ewige Höher, Schneller, Weiter jault. And of course Henry the Horse dances the waltz! Der Zirkus versteckt sich immer weiter hinter seiner fahlen Clownsfratze, aus deren hohlen Augen die häßliche Leere gafft. Sensationen und Sensationslust; Spektakel und Spectateure blicken sich in ihre höhnischen Gesichter. Johnes Anheizer ist der Narr mit dem vorgehaltenen Spiegel. Diese allseitige Formel der Attraktion ist auch die Triebfeder der Moderne, die, in einer nicht einmal mehr post-modernen Zeit ihre Wirkung verliert. Antiquiert scheint die Losung des ewigen Fortschritts, jedenfalls im gesellschaftlichen Kontext. So muss auch der Wanderzirkus mit seinem Kabinett der Superlative und der unerhörten Sensationen seinen Zauber verlieren. Der Circus Johne beschwört ihn ein letztes Mal herauf, doch nur, um ihn als Schattenspiel zu entlarven. Eine illustre Anekdote der Zeitgeschichte, nicht viel mehr.

Sven Johne: El Dorado, Foto: courtesy Klemm's

In der Erschaffung und Demaskierung solch phantastischer Gebilde ist Sven Johne erfahren. Im vergangenen Jahr zeigte er in der Temporären Kunsthalle eine Anzahl kurzer Steckbriefe sonderbarer Personen, der “Großmeister der Täuschung“. Ebenso wie in der zeitgleich ausgestellten Reihe “Bilder der Stadt Vinh” erzeugte er hier einen Moment der Ungewissheit. Fakt und Fiktion waren nicht von einander zu trennen, dies weiß Johne immer wieder durch seine geschickt ausbalancierte Erzählweise zu verhindern. Seine Arbeiten erschafft er stets in Serie, gewinnt damit die für solche Täuschungen nötige Tiefe. Sein Narrativ ist nüchtern und prägnant. Blumige Ausschweifungen scheinen in seinem analytischen Stil nur spärlich durch. Wenn Johne eines seiner Manöver fährt, weiß er die knappen Informationen gezielt in ein Flechtwerk einzuarbeiten, das ganz auf die Lücken und Freistellen abzielt: Erst das Ungewisse gibt den Spekulationen Raum.

In der Galerie Klemm’s begrüßt er die Besucher mit der zwölfteiligen Serie “El Dorado”. Vergoldete Rahmen tragen Anteile der kanadischen Eldorado Mining Company, einer Firma, die im Übrigen tatsächlich existiert. Ebenfalls wahr ist, daß Johne Anteilseigner dieser Gesellschaft ist. Die ausgestellten Papiere lassen jedoch Zweifel über ihre Echtheit aufkommen. Keine üppigen Verzierungen oder Wasserzeichen, keine dekorative Schriften und getragenen Formulierungen weisen darauf hin, daß es sich hierbei um offizielle Zertifikate handeln könnte. Einige lapidare Sätze aus dem Firmenprofil ergänzen die gedruckte Deklaration als Aktie; wer Näheres erfahren will, könne umseitig nachschlagen.

Ausstellungsansicht "Greatest show on earth", Foto: courtesy Klemm's

Das Versprechen des Goldrauschs – oder wenigstens der Teilhabe an selbigem – erscheint gelogen, fast betrügerisch. Auch “El Dorado” reiht sich allegorisch als verlockende Täuschung neben die vielen anderen Beispiel in Johnes Gesamtwerk ein. Ebenso wie die Zirkusarbeiten oder die ebenfalls ausgestellten Hochglanz-Fotos von zum Verkauf bestimmten, bereits geringfügig welkenden Edelrosen wagt “El Dorado” den Fingerzeig auf die Trugbilder des Alltags. Wenn “Following the circus” oder “Greatest show on earth” noch den süßen Zauber der Täuschung vorhalten, dann wird Johne in seinen anderen Arbeiten direkter, aber auch apodiktischer: “Alles Lug und Trug”, so wähnt man bald. Doch selbst wenn man sich einmal damit abgefunden hat, die alte Leier läuft ewig weiter: “And of course Henry the Horse dances the waltz!”

Die Ausstellung „Greatest show on earth“ ist noch bis zum 17. Dezember 2011 in der Galerie Klemm’s in Berlin zu sehen.  Dienstag bis Samstag von jeweils 11 Uhr bis 18 Uhr kann die Galerie besucht werden.

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