Das Spiel mit den Erwartungen des Betrachters

Jeppe Hein in seinem Atelier / Foto: Mirko Tzotschew

Der in Dänemark geborene und in Berlin lebende Künstler Jeppe Hein ist Teil der Ausstellung “Gesamtkunstwerk: New Art from Germany”, die derzeit in der Saatchi Gallery in London zu sehen ist. Wir trafen ihn in seinem Kreuzberger Atelier auf einen Kaffee, um mit ihm über die deutsche Kunstszene, seine Inspiration und das schwierige Thema Spaß in der Kunst zu sprechen.

Galeriewände, die sich plötzlich aufeinander zu bewegen oder ein Teller, der im Museum bei näherer Betrachtung plötzlich von der Wand fällt: Macht es dir Spaß, mit den Erwartungen der Besucher zu spielen, die ja etwas ganz anderes erwarten?
Man muss aufpassen mit dem Begriff „Spaß“: Der ist in der Kunstwelt nicht besonders angesehen. Spaß ist ein Wort, mit welchem man vorsichtig umgehen muss, wenn man über Kunst redet. Aber Spaß ist gleichzeitig auch oft ein Indikator für einen Dialog, man unterhält sich mit anderen Menschen, die in der Ausstellung mit dabei sind. Deshalb ist es für mich schön, manchmal dieses Lächeln auf den Lippen zu sehen, denn das macht die Grenze zwischen den Leuten viel weicher. Man muss aber aufpassen, das man den „Spaß“ nur bis zu einer gewissen Ebene treibt, sonst wird es sehr schnell albern.

Ich sehe meine Arbeiten als Werkzeug für Kommunikation und Dialog. Und diese Werkzeuge werden dann in Galerien, Museen oder öffentlichen Räume installiert und wir schauen, wann und wie die Leute mit den Objekten in Berührung kommen. In solchen Momenten macht meine Arbeit besonders Spaß: Wenn Kinder, ältere Menschen, Kunstkenner aber auch solche Leute, die gar keine Ahnung davon haben, meine Werke richtig „fühlen“, anstatt sie direkt in einen Kontext einzusortieren. Kunstkenner kommen ja meist in eine Ausstellung, schauen durch den Raum und sagen ‘das sieht aus wie Sol LeWitt, das sieht aus wie Dan Graham’ und so weiter. Ich tendiere auch oft dazu. Man sollte aber seltener sagen können, ‘diese Werke und Künstler habe ich gestern im Museum gesehen’ und häufiger ‘diese Werke habe ich im Museum erlebt’. In Bezug auf Kunst sollte man viel stärker auf sein Herz hören, anstatt direkt zu analysieren und zu sagen ‘Das verstehe ich nicht’. Wenn ich ein Kunstwerk richtig spüre, kriege ich Gänsehaut.

"Man kann nie Kunst für Alle machen" / Foto: Mirko Tzotschew

Funktionieren deine Kunstwerke überhaupt ohne den Besucher der Galerie oder des Museums, der sich dem Objekt nähert?
Nein, eigentlich nicht. Es kommt aber auch darauf an, wie man ‘näher’ definiert. Oft hat man ja eine Person, die die Arbeit ‘aktiviert’, während mehrere Leute sich im Raum befinden und diese Person betrachten, weitere Leute wiederum die Menschen betrachten, die diese ‘aktive’ Person betrachten.

Wie verträgt sich das denn mit der Prämisse in Museen, den Kunstwerken nicht zu nahe zu kommen? Eigentlich müssten sich die Besucher auch jedes Mal gehörig erschrecken, wenn deine Arbeiten plötzlich lebendig werden.
Ja, und viele Leute sehen diesen Teil meiner Arbeit sehr kritisch. Man kann aber nie Kunst für Alle machen. Einige meiner Arbeiten spielen genau damit, z.B. dieser Teller, den ich in der Tate Liverpool an die Wand gehängt habe. Auf dem Boden befand sich eine ziemlich deutliche Linie – wenn man diese übertrat, fiel der Teller von der Wand. Selbstverständlich haben sich die Leute da jedes Mal sehr erschrocken. Interessant war besonders die Reaktion der Besucher, die den Raum betraten, als der Teller schon zerbrochen auf dem Boden lag. Die meisten machten große Augen als ob sie sagen wollten ‘Ich war’s nicht!’, manche wandten sich sofort an die Aufsichtswärter. So kamen auch diese Menschen miteinander ins Gespräch.

Kann man anhand der Reaktionen erkennen, wer mit deinen bisherigen Arbeiten bereits vertraut ist und wer nicht?
Das Publikum ist ja immer sehr groß und natürlich versuche ich auch, mich zu entwickeln. Nicht, dass es jedes Mal eine spaßige Überraschung werden muss, aber auch ich möchte etwas aus meiner Arbeit lernen. Bei Johann König habe ich zum Beispiel vor kurzem Aquarelle gezeigt. Da haben schon ein paar Leute gesagt, dass sie etwas anderes erwartet hätten. Das finde ich aber sehr schön. Ich habe mein Spektrum jetzt so erweitert, dass die Menschen überhaupt nicht mehr wissen, was bei mir als nächstes kommt. Als junger Künstler kann man ja durchaus mal sagen, dass man jetzt etwas komplett neues und anderes machen möchte.

Was inspiriert dich in deiner Arbeit? Gibt es Künstler, die du als Vorbild betrachtest?
Ja, da gibt es viele. Es ist eher ein Mischmasch aus ganz vielen Dingen. Angefangen bei COBRA und Asger Jorn. Jorn war in seiner Malerei und in seinem Ausdruck sehr politisch orientiert. Seine Person finde ich sehr interessant für mich, weil er auf so vielen Ebenen gearbeitet hat. Er hat gemalt, übersetzt, für Zeitungen gearbeitet und Bücher geschrieben. Und er hat sehr viel Kunst gesammelt und getauscht.

So wie er zu arbeiten, so offen in der Struktur, das habe ich für meine Arbeit übernommen. Ich habe sehr viel kuratiert und zum Beispiel in Dänemark eine Bar eröffnet, wo 30 Künstler beteiligt waren. Mich inspirieren Zusammenarbeiten, bei denen man mit anderen Künstlern zusammenkommt. Aber auch das Spirituelle: Ich mache jeden zweiten Tag Yoga, es ist der beste Weg für mich, runterzukommen. Ich nutze das aber nicht sehr spirituell, sondern eher praktisch für meine Arbeit.

Und natürlich alte Filme. Charlie Chaplin, Buster Keaton und dänische Filme, die sich mit sozialen Aspekten und politischen Themen auseinandersetzen. Meine Arbeit ist teilweise auch sehr politisch betont, weil man mit der Kommunikation zwischen den Leuten arbeitet. Man kann sagen, dass unsere Gesellschaft immer rassistischer wird. Mit einem Kunstwerk wie dem Wasserpavillon in Venedig verschwinden die Barrieren zwischen den Menschen. Man ist gemeinsam „gefangen“ in diesem Wasserpavillon, der Mensch neben dir hat vielleicht eine andere Hautfarbe und dennoch lacht man in diesem Moment miteinander.

Ideenschmiede: Das Atelier von Jeppe Hein / Foto: Mirko Tzotschew

Also fließen die Reaktionen der Menschen auf deine Installationen auch in neue Arbeiten von dir ein?
Es ist oft so, dass ich eine neue Arbeit entwickle und dann einer Reihe von Leuten zeige. Ich schaue dann natürlich, wie sie auf das Kunstwerk reagieren und mit ihm umgehen. Das bringt häufig auch Inspiration für weitere Werke mit sich, aber zeigt mir in erster Linie, ob und wie das Kunstwerk funktioniert.

Du bist Teil der Ausstellung „Gesamtkunstwerk: New Art from Germany“, die aktuell in der Saatchi Gallery in London gezeigt wird. Wie würdest du die Kunstszene in Deutschland beschreiben?
Ich glaube, dass die Galerie mit 24 Stück viel zu wenig Künstler ausgewählt hat, man hätte mindestens 25 weitere Künstler nehmen können. Ich glaube, dass die Kunstszene in Deutschland seit fünf oder zehn Jahren richtig explodiert und das nicht nur in Berlin, sondern auch in Frankfurt oder Hamburg. Frankfurt zum Beispiel hat eine hohe Anzahl an wichtigen Kunst-Institutionen, z.B. Hochschulen – ich selbst habe ja auch dort studiert. Es sind einige junge Leute auf die wichtigen Posten in den Museen etc. nachgerückt, die eine unheimlich große Energie mitbringen.

In Berlin hinken die Hochschulen noch etwas hinterher, aber das wird sich meiner Meinung nach in Zukunft auch ändern. Ich glaube, dass die Akademien in Deutschland einen so guten Ruf haben, das viele Leute auch aus dem Ausland kommen – nicht nur nach Berlin – um für ihren Status hier zu studieren. Viele von ihnen bleiben und machen die Kunstszene interessant.

Vielen Dank!

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