
Georg Flegel, Stilleben mit Äpfeln, 1. Hälfte 17.Jh
Die Fotografie wurde im 19. Jahrhundert erfunden? Ginge es nach Mathias Gatza, müssten wir die Geschichtsbücher neu schreiben. In seinem neuen Roman „Der Augentäuscher“ verlegt er die Entstehung der ersten Lichtbilder ins Dresden des 17. Jahrhundert und erzählt von Experimenten eines manischen Künstlers vor dem Hintergrund grausamer Ritualmorde am Hofe des Kurfürsten.
Einen ausschließlich historischen Roman wollte Gatza dann aber doch nicht abliefern: Seine mitreißende Geschichte des Künstlers Silvius Schwarz, der die Stilllebenmalerei aufgibt, um stattdessen mit Metallplatten und Schwefel zu experimentieren, ist eingebettet in die zeitgenössische Rahmenhandlung eines namenlosen Herausgebers, der von der universitären Welt aufgrund allzu verschrobener Ideen verhöhnt wird und sich selbst als verkanntes Genie betrachtet.
Gatzka wendet ein literarisches Stilmittel an, das so alt ist wie der Roman selbst: um Authentizität zu vermitteln, meldet sich dieser „Herausgeber“ zu Wort, um dem Leser von seinem überraschenden Fund eines mehr als 300 Jahre alten Manuskriptes zu erzählen. Dessen ersten Teil fischte er nach dem Elbhochwasser 2002 in Dresden zufällig aus einer Kläranlage. Darin erzählt der stumme Setzer Leopold die tragische Geschichte von Silvius Schwarz und dessen Wunsch, ganz im Sinne des barocken Leitspruch „Carpe Diem“ den Moment nicht nur zu genießen, sondern auch für alle Zeit sichtbar festzuhalten. Die Zeit ist jedoch nicht reif für derartiges Fortschrittsdenken. Silvius wird bezichtigt, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben und gerät kurzzeitig sogar als möglicher Ritualmörder ins Visier der Inquisition.
Doch nicht nur die von Leopold unter Todesgefahr gesetzten Schriftbögen bringen Licht in das Dunkel des Geschehen, sondern auch die Liebesbriefe zwischen Silvius Schwarz und seiner Geliebten Sophie von Schlosser, die der Erzähler auf einer dritten Ebene einbindet. Diese hat der verschrobene und alle kulturellen Gepflogenheiten missachtende Wissenschaftler einer zum selben Thema forschenden Konkurrentin kurzerhand aus der Handtasche geklaut.
Warum lässt sie so einen wertvollen Schatz auch unbeaufsichtigt in der Staatsbibliothek liegen? Der namenlose „Herausgeber“ wird immer wahnhafter, fühlt sich beobachtet und verfolgt und ist überzeugt: Silvius Schwarz war – entgegen aller wissenschaftlicher Belege – der erste Fotograf der Menschheitsgeschichte, viele Jahre bevor die erste Daguerreotypie entstand.
Die Mischung aus verschiedenen literarischen Stilmitteln, Erzählebenen und Sprachstilen machen den Roman Gatzas zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis: Die Rahmenhandlung vermittelt Authentizität, das vermeintlich historische Manuskript des stummen Setzers, der sich nur durch die Bögen artikulieren konnte, die mit vielen kitschigen Liebesbekundungen durchsetzten Briefe von Silvius und seiner Geliebten. Diese Vermischung dreier Stilebenen ist es aber auch, die den Leser mitunter auf der Suche nach dem roten Faden verzweifelt ins Leere greifen lässt.
Zu häufig kommt der Autor mit kleinteiligen Details vom Wege ab, die zwar hilfreich für die Vertiefung der Atmosphäre und die offenbar besonders innig angestrebte Authentizität sind, nicht aber für das allgemeine Verständnis. Wer bei der Lektüre des Romans die kunsthistorisch interessanten Passagen über den verzweifelten Versuch des Stillleben-Malers, den Moment so naturgetreu wie möglich einzufangen, nicht verpassen möchte, sollte im wahrsten Sinne des Wortes die Augen offen halten.
Mathias Gatza: Der Augentäuscher. Graf Verlag, München 2012, Gebunden, 384 Seiten,
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