Virtueller Wochenrückblick

Foto: Julia Schmitz

Am späten Donnerstagnachmittag flatterte eine Pressemitteilung der KW Institute for Contemporary Art Berlin in unser virtuelles Postfach: “Deutschland schafft es ab” war diese betitelt und rief im Rahmen einer Kunstaktion dazu auf, sein eigenes Exemplar der nicht gerade unprovokanten Sarrazin’schen Thesensammlung abzugeben – die Sammlung werde während der 7. Berlin Biennale als Installation des tschechischen Künstlers Martin Zet ausgestellt und nachher “recyclet”. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Internet.

Zunächst wurde das Thema in den Medien eher neutral aufgegriffen, wurde an die heiß diskutierten Kontroversen erinnert, die das 2010 publizierte Buch des Politikers ausgelöst hatte. Doch bereits am Abend ruderten einige Institutionen, die sich zuvor bereit erklärt hatten, als “Sammelstellen” für die Bücher zu funktionieren, zurück. So ließ das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) per Rundmail verlauten:

“Das Institut für Auslandsbeziehungen wird nicht, wie angekündigt, an der Aktion “Deutschland schafft es ab” teilnehmen. Die ifa-Galerie Berlin wird keine Sammelstelle für die Aktion sein. Kunst ist die lingua franca des internationalen Dialogs, den das ifa mit Ausstellungen an jährlich mehr als 250 Orten überall auf der Welt und in seinen Galerien in Berlin und Stuttgart pflegt. Das ifa lässt Kunst Grenzen überwinden und möchte mit seinen Programmen zur Stärkung der Zivilgesellschaft beitragen. Die Aktion von Martin Zet ist für das Institut für Auslandsbeziehungen vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte in seiner Form und Umsetzung nicht akzeptabel.”

Kritische Töne klingen ebenfalls aus einem Artikel bei Heise: “Jede Moral hat ihre eigene Ästhetik. Und wenn Menschen sich ihrer selbst nur sicher genug sind, dann kommen sie auf die merkwürdigsten Gedanken. Das gilt leider auch für das linksliberale Gutmenschen-Milieu, besonders in Berlin-Mitte, wenn es nur ein richtig gutes Gewissen hat.” Provozierend wird in den Raum gefragt: “Warum fordert man nicht gleich dazu auf, Sarrazin zu verbrennen?” Ebenso bissig reagiert André Freud auf seinem Blog, der, neben einer ausführlichen Darstellung der Parallelen zu den Ereignissen ’33, wettert: “Möglicherweise erlaubt sich dieser Martin Zet aus seiner beschränkten Binnensicht nur eine Werbeaktion in eigener Sache; sie wird seinen Namen bekannt machen.”

Das Haus der Kulturen der Welt hofft auf eine konzeptuelle Klärung:

“Was tun gegen Rassismus? Als wir der Buchsammelaktion Martin Zets zustimmten, ging es uns um die Möglichkeit, individuelle Zeichen gegen fremdenfeindliches Gedankengut zu setzen. Nun zeigt sich aber in der öffentlichen Debatte, dass diese Aktion mit den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen in Zusammenhang gebracht wird. Es zeichnet sich eine Polarisierung ab. Der Rassismus, der in Deutschland fortbesteht und den wir in Thilo Sarrazins Buch feststellen, wird vom Haus der Kulturen der Welt durch engagierte Auseinandersetzung verhandelt und bekämpft, nicht aber durch diese Form der Polarisierung. Wir gehen deshalb davon aus, dass auch dem Künstler an einer konzeptionellen Klärung gelegen ist.”

“Es ist nur eine Frage der Zeit”, steht auf einer Hauswand in Berlin-Mitte geschrieben – wir werden die Diskussion weiter verfolgen.

Update: Auch die Organisatoren der 7. Berlin Biennale haben sich mittlerweile zu der Kontroverse geäußert:

“Da das am 12. Januar 2012 veröffentlichte Projekt „Deutschland schafft es ab“ des tschechischen Künstlers Martin Zet zu einer unmittelbaren Polarisierung geführt hat, stellen wir hiermit klar:

Martin Zet ruft Personen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen von dem Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin trennen möchten, auf, es einer künstlerischen Aktion zu spenden. Entstehen soll eine Installation, deren Größe und Ausdruck abhängig ist von der Anzahl der gespendeten Bücher. Während der 7. Berlin Biennale für zeitgenössischen Kunst wird Martin Zet gemeinsam mit dem Publikum an der Frage arbeiten, welchem Zweck die Bücher anschließend zugeführt werden. Das Kunstprojekt hat nicht eine Büchervernichtung zum Ziel, sondern der Künstler verbindet mit der Spende und der Transformation der Bücher einen Akt des Widerstandes gegen den anti-migrantischen und polarisierenden Inhalt des Buches mit künstlerischen Mitteln”

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2 Antworten auf Virtueller Wochenrückblick

  1. Pingback: 7. Berlin Biennale schafft es ab! | KUNST MAGAZIN

  2. Wow cool, ich finde es ist eine super Idee von dem Künstler. Es war ja zu erwarten, dass es eine sehr polarisierende Aktion ist. Da aber nur zu einer Spende aufgerufen wird, stellte das ganze ja kein Problem dar.

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