Die Wandelbare

Cindy Sherman, Untitled (Doll Clothes), 1975, 11 Schwarz-Weiß-Fotografien, Figuren ausgeschnitten, auf Karton montiert

Cindy Sherman ist die Meisterin des Rollenspiels. Das ihr künstlerisches Werk nicht erst mit den Untitled Film Stills anfängt, zeigt der kürzlich im Hatje Cantz erschienene Catalogue Raisonné, der das Frühwerk der Künstlerin aus den Jahren 1975-77 illustriert.

Sherman studierte zu dieser Zeit am Art Department des State University College in Buffallo, wo sie unter anderem Kurse in Zeichnen, Malerei und Skulptur belegte. Schnell zeigte sich jedoch ihre besondere Kreativität im Bereich der Fotografie. Als sie in der Klasse von Barbara Jo Revell die Aufgabe erhält, sich fotografisch mit einem Thema auseinanderzusetzen, welches ihr unangenehm ist, zückt Sherman den Selbstauslöser: Für die Serie der Air Shutter Release Fashions (1975) posiert die Künstlerin nackt vor einem Spiegel und umwickelt sich dabei mit dem Kabel des Selbstauslöser, mit dem sie die Umrisse einzelner Kleidungsstücke markiert. Es ist eine der ersten Arbeiten, in denen Sherman sich damit auseinandersetzt, was es bedeutet, eine Frau zu sein.

Noch nie waren diese Aufnahmen öffentlich zu sehen: “Ich habe es niemandem gezeigt, nicht einmal Metro Pictures weiß davon. Es war ein College-Projekt, das mir peinlich war”, wird die Künstlerin in der Publikation zitiert. Doch sie bilden eine wichtige Grundlage für die späteren Fotoprojekte der Künstlerin, mit denen sie zu internationaler Bekannheit gelangte und in denen sie immer wieder die Grenzen von Weiblichkeit und Persönlichkeit auszuloten versucht.

In der Serie Cover (Girls Mademoiselle) von 1976 verfremdet Sherman das Cover einer amerikanischen Frauenzeitschrift schrittweise, bis das Gesicht des ursprünglichen Fotomodels durch ihr eigenes ersetzt wird. Die Aufnahmen Untitled (Murder Mystery People), ebenfalls von 1976, enthält ein ganzes Repertoire verdächtig wirkender Portraits von Personen, die einem Agatha-Christie-Krimi entstammen könnten.

Das Experimentieren mit verschiedenen Charakteren und der Fokus auf den Prozess der Verwandlung, den Sherman seit Beginn ihres Studiums verfolgte, zeichnet sich besonders deutlich in den zahlreichen Pappfiguren wieder, bei denen sie schwarz-weiß-Aufnahmen auf Karton klebte um unterschiedliche Situationen und Rollengefüge auszuprobieren. Der Transformationsprozess von einem Charakter zu einem anderen wird hier mit jedem einzelnen Schritt sichtbar.

Die zahlreichen, teilweise noch nie zuvor veröffentlichten Aufnahmen aus dem Fundus der Fotografin werden begleitet durch ausführliche und detaillierte Texte von Gabriele Schor, die das Leben der Künstlerin von den Kindertagen an in Hinblick auf ihre spätere künstlerische Entwicklung mit Worten illustriert.

Gabriele Schor: Cindy Sherman. Das Frühwerk 1975-1977. Catalogue Raisonné. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2012. 376 Seiten, 288 Abb., davon 48 farbig, 240 in Duplex. 58 Euro. ISBN 978-3-7757-2981-9
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