“Dürfte ich Sie interviewen?”

Es ist 2009 und Miranda July sieht sich mit einer handfesten Schreibblockade konfrontiert. Anstatt an ihrem Drehbuch für “The Future” zu schreiben, vertrödelt sie Stunden in den Untiefen des Internets und studiert ausführlich das kostenlose Wochenblättchen “PennySaver”, das gefüllt ist mit kostenlosen Inseraten von Haartrocknern bis zu glitzernden Saris. Aber wer steckt eigentlich hinter diesen Anzeigen?

In Zeiten der fast vollkommen technologisierten und digitalisierten Welt spielt sich ein viel zu großer Teil des Lebens online ab, so manchen Blog-Autor meint man besser zu kennen als die Freunde und Bekannte der unmittelbaren Umgebung. Es ist daher zunächst etwas gewöhnungsbedürftig für July, sich mit einem Mal mit fremden, aber echten Menschen auseinanderzusetzen. Woche für Woche telefoniert sie sich durch die Inserenten der “PennySaver”-Heftchen, täuscht Interesse für den angebotenen Gegenstand vor um dann mit der Tür ins Haus zu fallen: Dürfte ich Sie interviewen?

Was zunächst wie ein weiterer (erfolgreicher) Versuch scheint, sich von der Arbeit an dem zu diesem Zeitpunkt noch fragmentarischen Drehbuch über ein Pärchen Mitte Dreißig abzuhalten, erweist sich als unschlagbare Inspirationsquelle – und als wichtige Lektion im Umgang mit den Stärken, Schwächen und Absurditäten eines Menschen. Als Michael, der eine große schwarze Lederjacke für 10 Dollar anbietet, July die Tür öffnet, ist sie zunächst erstaunt: “Die Tür ging auf, und da stand Michael, ein Mann Ende sechzig, bullig, breitschultrig, knubbelige Nase, brombeerfarbene Bluse, Busen, lachsrosa Lippenstift. Noch ehe er die Tür ganz geöffnet hatte, erklärte er mit leiser Stimme, dass er sich gerade einer Geschlechtsumwandlung unterziehe.”

Der Haartrockner als symbolischer Wendepunkt

Das sei toll, antwortet July unbeeindruckt, und es ist wahrscheinlich genau dieses sanfte, unerschrockene Verhalten, die der Künstlerin in den kommenden Monaten zahlreiche Türen öffnet, hinter denen wildfremde Menschen bereitwillig ihre Lebensgeschichte erzählen. Nicht immer fühlt sie sich dabei wohl. Der Besuch bei Beverly, die mit unzähligen Wildkatzen, Vögeln und Schafen zusammenlebt und der Autorin und ihrem Team eine riesige Schale tropfenden Obstsalat aufnötigt, löst bei July einen Fluchtreflex aus.  Oder Ron, der mitten im Gespräch auf seine elektronische Fußfessel hinweist, Raymond, der sich seine Lieblingsschauspielerin als Schaufensterpuppe hat nachbauen lassen, Matilda, die über eine riesige Sammlung flauschiger Glücksbärchis wacht.

Und letztendlich Joe, der fünfzig wieder verwendbare Weihnachtskarten verkaufen möchte und ihr seine nicht immer jugendfreien Limericks vorliest, die er in 62 Jahren Ehe für seine Frau formuliert hat. Joe ist es dann auch, der eine Rolle in dem später realisierten Film “The Future” erhält, wo er der Hauptfigur Jason einen uralten Haartrockner verkauft, der zum symbolischen Wendepunkt in der festgefahrenen Beziehung von Jason und Sophie wird.

Es ist die Stärke des Buches, dass es die Portraitierten, seien sie noch so verschroben und seltsam, niemals vorführt oder auflaufen lässt. Nüchtern und mit Anteilnahme zugleich beschreibt July ihre Begegnungen mit den verschiedensten Menschen, ihren kurzen Blick in die so unterschiedlichen Lebensentwürfe, Wünsche, Träume und Enttäuschungen. Dass sie am Ende nicht nur eine ganze Reihe wichtiger Erkenntnisse über sich selbst gewinnt, sondern ebenso zahlreiche Ideen für die Fertigstellung des Drehbuches, kommt nicht überraschend.

Miranda July. Es findet dich. Mit Fotografien von Brigitte Sire. Diogenes, Zürich 2012. Hardcover Broschur mit Klappen, 224 Seiten, 22,90 Euro.
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