
Helmut Newton Stiftung Berlin, Foto: Annabell Manz
Die Helmut Newton Foundation in Berlin-Charlottenburg hat es sich zum Ziel gesetzt neue Aspekte von Helmut Newton zu zeigen. Die im Museum der Fotografie untergebrachte Stiftung eröffnete am 1. Juni die Ausstellung „White Women, Sleepless Nights, Big Nudes“. Der Titel der Ausstellung, der gleichzeitig der Titel von Newtons ersten drei Publikationen ist, zeigt Arbeiten aus den besagten Fotobüchern der 70er und 80er Jahre. In Zusammenarbeit mit dem Museum of Fine Arts in Houston und mit der Witwe des Künstlers, June Newton, ergab sich eine umfangreiche Schau von Newtons ikonischen Akt- und Modefotografien. Wir sprachen mit dem Kurator der Stiftung, Matthias Harder, über die Ausstellung und Helmut Newtons Liebe zum weiblichen Geschlecht.
Die Ausstellung „White Women, Sleepless Nights, Big Nudes“ fand bereits 2011 im Museum of Fine Arts in Houston statt. Wie kam es zu der Kooperation?
Harder: Das Museum of Fine Arts kam in Person von Manfred Heiting, der bereits die große Retrospektive zum 80. Geburtstag von Newton in der Nationalgalerie kuratierte, auf der Suche nach einem Ausstellungsthema auf uns zu. Heiting organisierte danach mit June Newton in Houston die Ausstellung. Sie legten den Fokus auf Newtons erste drei Bücher, “White Women”, “Sleepless Nights” und “Big Nudes”, also eine sehr produktive Phase seines Schaffens. Die gezeigten Bilder entstanden Mitte der 70er bis Anfang der 80er Jahre, auf der Schwelle der Mode- zur Aktfotografie.
Helmut Newton hat sich schon sehr früh für Modefotografie interessiert und war ab 1956 als Modefotograf tätig. Gleichzeitig benutzte er auch außerhalb dieser Aufträge die Mode, um seine Fotos von anderen abzuheben. Wie lassen sich seine Arbeiten einordnen?
Harder: Ich würde nicht sagen, dass er sich von anderen unbedingt abheben wollte, sondern dass er durch die Modefotografie seinen Stil entwickelte. Er suchte sicherlich immer wieder nach ganz neuen Wegen. Und wenn man an den Ausspruch eines berühmten Kollegen – ich glaube es war Henri Cartier-Bresson – denkt, auf die Frage “Ab wann ist eine Fotografie eine gute Fotografie”, dann antwortete er, “Wenn man länger als eine Sekunde darauf blickt”. Bei der Veröffentlichung von Bildern in Modemagazinen muss man natürlich eine gewisse Aufmerksamkeit erzeugen, damit der Leser nicht gleich weiterblättert. Diese Aufmerksamkeit erreichte Newton mit seiner ganz individuellen Bildästhetik. Nach der Kategorisierung von Bresson hat er eine ganze Menge guter Bilder geschaffen, nicht nur Ikonen, die bis heute sozusagen funktionieren, auch in unserer zeitgenössischen Bildwelt. Nicht ohne Grund werden die Bildbände “White Women” und ”Big Nudes” bis heute verlegt.
Viele Werke von Helmut Newton wurden als sexistisch bezeichnet, so etwa von Alice Schwarzer. Wie stehen Sie zu diesen Vorwürfen?
Harder: Ich halte von diesen Vorwürfen natürlich überhaupt nichts. Wenn wir das Werk von Valie Export betrachten, Arbeiten wie „Genitalpanik“ oder „Tapp und Tastkino“, dann ist das auch mit dem Körper arbeitend. Diese Verkörperlichung der Frau gibt es sowohl bei Helmut Newton als auch im Werk feministischer Künstlerinnen. Newton blickte keinesfalls auf die Frauen herab, sondern immer nur hinauf. Er baute den Frauen durch seine Fotos einen Sockel aus weiblichem Selbstbewusstsein. Die Frauen stehen sehr selbstbewusst in seinen Bildern, und um einmal ganz gegen Frau Schwarzer und andere zu argumentieren, gehe ich davon aus, dass er für die sexuelle Befreiung der Frau und ihr Selbstbewusstsein extrem viel beigetragen hat.

Helmut Newton Stiftung Berlin, copyright Stephan Müller
Newtons Frauen sind alle sehr perfekt und makellos – vielleicht trug das auch zur Kritik bei.
Harder: Natürlich gibt es viele makellose Körper, langbeinige Frauen, aber es gibt sie eben nicht nur. Lustigerweise sind Männer meist nur eine Zugabe in seinen Werken. Er machte später noch das Buch “World Without Men”. Ja, Newton liebte die Frauen, stellte sie aber gleichzeitig auf einen ganz gewissen Sockel.
Sie zeigen parallel eine Ausstellung, die Newton privat zeigt, fotografiert von Jan de Wit, bei einer gemeinsamen Reise durch Brandenburg und die Ostsee.
Harder: Jan de Wit hat Helmut Newton in den 70er Jahren kennengelernt und er hat ihn immer wieder getroffen, bis sie enge Freunde wurden. So kam es, dass Jan de Wit gefragt wurde, ob er Newton auf einer Reise zu verschiedenen Orten seiner Kindheit begleiten möchte. Das war 1999. Auch in der Vorbereitung zu seiner Retrospektive in Berlin kam Newton immer wieder nach Berlin. Er hat einmal gesagt, dass er nicht Deutschland vermissen würde, sondern Berlin. So kam es später, dass seine Stiftung hier in seiner Heimat Berlin errichtet wurde. Diese Reise führte die beiden durch Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, bis nach Heringsdorf. In Heringsdorf, einem berühmten Seebad, hatte Newton schon mit seinen Eltern Urlaub gemacht. Das war somit eine Reise in die Vergangenheit, wodurch sich auch der Titel der Ausstellung „Journey to the past“ ergab. Es werden sehr schöne, private, atmosphärisch dichte Bilder gezeigt, die einen ganz anderen Helmut Newton zeigen. Die beiden planten noch eine weitere Reise, aber dazu kam es leider nicht mehr.
Gibt es überhaupt noch Neues bei Helmut Newton zu entdecken?
Harder: Ja, unbedingt. Das haben wir bei unserer letzten Ausstellung der Polaroids gesehen. Wir öffneten dabei die Schublade des Archivs und zeigten jene Arbeiten, die normalerweise nicht gezeigt werden. Die Polaroids, also jene Bilder, die Newton anfertigte, bevor er zur richtigen Kamera griff, präsentieren wir vergrößert und ungerahmt. Newton arbeitete sein ganzes Leben lang, insbesondere in der Modefotografie, mit Polaroids.
Die jetzige Ausstellung, welche Newtons ersten drei Publikationen zeigt, wurde hier, in dieser Zusammenstellung, noch nie präsentiert. Es sind viele Ikonen darunter, aber auch immer wieder neue Bilder, die bisher immer nur in den Büchern auftauchten. Wenn man ein Buch zum Ausstellungsthema macht, ist ein großer Unterschied zu einer üblichen Ausstellung gegeben. Denn wenn man eine Zeitschrift oder ein Buch durchblättert, erfährt man ein sukzessives Erleben und hier findet man die Bilder einzeln ausgebreitet, wodurch sich ein ganz anderes Erleben seiner Bilder ergibt.
Die Ausstellung “Helmut Newton: White Women / Sleepless Nights / Big Nudes” ist bis zum 18. November in der Helmut Newton Foundation zu sehen. Geöffnet ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr.







