Face off – Das entfremdete Portrait

Ausstellungsansicht „Face/OFF“ © Galerie Gebr. Lehmann Berlin/Dresden

Fotografien eines nackten Mannes mit Nadeln im Brustkorb, eine Person mit einer Maske über dem Kopf, verzerrte Darstellungen mehrerer Portraits, ein leeres Hotelzimmer und eine Skulptur mit einem Loch im Kopf. Doch was steckt hinter den skurrilen Arbeiten, die aktuell in der Gebr. Lehmann Galerie gezeigt werden?

Eine Gemeinsamkeit verbindet sie: Es handelt sich um Portraits. Eberhard Havekost, Tatjana Doll, Frank Nitsche, Konrad Wyrebek, Bjarne Melgaard, Maria Brunner und John Isaacs bespielen die Ausstellung mit Malerei, Fotografie und Skulptur. Die traditionelle Darstellung eines Portraits wird in den facettenreichen Werken hinterfragt und abstrahiert.

Zwischen Kunstfigur und Mensch

Tatjana Dolls Plakatwandartiges Gemälde „RIP_Verstecktes Selbstportrait“ von 2009 besteht aus drei Portraitansichten. Sie ließ sich von ihrem Künstlerfreund Eberhard Havekost wirklichkeitsgetreu mit einer Maske abbilden. Havekosts Portraits wiederum hat sie in ihrem abstrakten Stil abgemalt. Die Abbildungsfunktion eines Portraits wird in Frage gestellt, da alle drei Aufnahmen das verbergen, worum es in dem Genre eigentlich geht: das Gesicht. Auch wenn es in seiner Vollständigkeit vorenthalten wird, sind dennoch Emotionen erkennbar. Mit offenen Mund und den zugekniffenen Augen sieht die Portraitierte aus, als würde sie schreien.

Die Person schaut wutentbrannt, als fühle sie sich unwohl – vielleicht gefangen in der Maske oder gar im eigenen Körper. Ein Teil der Bildunterschrift RIP, kurz für „requiescat in pace“ (rest in peace), fungiert als ein indirektes – also ein nicht in das Kunstwerk integrierte – Todessymbol. Haben wir es mit einem Teil einer Persönlichkeit der Künstlerin zu tun, mit der sie bereits abgeschlossen hat?

Perhaps in the emergent lines you will find yourself, 2011, glazed ceramic, steel, 155 x 67 x 60 cm, Photo: John Isaacs © AEROPLASTICS contemporary Brussels and the artist

Die einzige Skulptur in der Ausstellung, „Perhaps in the emergent lines you will find yourself“ (2011) von John Isaacs, steht auf einem in Zeitungspapier gewickelten Sockel. Dieser besteht aus zwei Pyramiden, die an der Spitze gespiegelt sind: Die Skulptur, die aus einem bunten Rumpf, zwei Armen aus Draht und einen Kopf mit Loch besteht, scheint keinen festen Stand auf dem Sockel zu haben – als könnte sie jederzeit stürzen.

John Isaacs bezieht sich auf die Aufstände und Revolten der Jugendlichen im Sommer 2011 auf den Straßen Londons und anderen Städten in England: Brennende Autos, Schlägereien, Explosionen.

Der Grad zwischen Arm und Reich wird in England immer größer und die Minderheiten fühlen sich zunehmend ausgegrenzt und ohne jegliche Zukunftsperspektive. Isaacs verweist mit seiner Skulptur auf eine gesamte Generation: „Ohne Perspektive mit dem leeren Blick ‚durch den Kopf’, ins Ungewisse.“

Die Ausstellung „Face/OFF“ ist noch bis zum 21. April 2012, Dienstag bis Samstag jeweils von 11 bis 18 Uhr, in der Galerie Gebr. Lehmann zu sehen.

Tatjana Doll: RIP_Verstecktes Selbstportrait, 2009, Lack auf Leinwand. 150 x 130 cm © Galerie Gebr. Lehmann Berlin/Dresden and the artist

Dieser Beitrag wurde unter Ausstellungen abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>