Galerieprofil Abtart – Von Fremdkörpern und Katzengold

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Nikolaus Koliusis: Do not disturb, 2012, Foto: Nikolaus Koliusis. Erschienen in KUNST Magazin KMB1204

Während sich Museumsdirektoren, Galeristen, Kuratoren und sowieso die gesamte PR-Artillerie des Kunstfeldes regelmäßig den Kopf darüber zerbrechen, mit welchen Strategien man sowohl die kunstverschreckte Masse als auch den geneigten Sammler denn nun am besten in die Musentempel und vor die Bilder lockt, machte die gebürtige Stuttgarterin und Kunstliebhaberin Karin Abt-Straubinger aus ihrer Position als Geschäftsführerin des Verlags Straubinger, der u. a. Telefonbücher produzierte, kurzerhand eine Tugend: 1992 begann sie, Kunst auf die Cover der von ihr verlegten örtlichen Telefonbücher drucken zu lassen.

Klaus Staeck, Ben Willikens, Ottmar Hörl und Dieter Krieg landeten so unverhofft in den Wohnzimmern Baden-Württembergs. Was sprichwörtlich vom Erfolg der einfachen Ideen gesagt wird, hat sich im Zusammenhang mit Karin Abt- Straubingers Wunsch, Kunst aus dem Elfenbeinturm heraus „zu den Menschen“ zu bringen, durch und durch bewahrheitet.

Diese sympathische Mischung aus Idealismus und schwäbischem Pragmatismus hat sie zur Methode gemacht. Die von ihr geführte Galerie Abtart eröffnete 2003 konsequenterweise nicht im Zentrum von Stuttgart, sondern in den damaligen Verlagsräumen im Vorort Möhringen. Bis heute finden dort unter dem Namen „Studio 57“ Ausstellungen statt.

Ein Blick auf die Galerie aus der Perspektive des Skulpturenhofs. Foto: Wilhelm Mierendorf. Erschienen in KUNST Magazin KMB1204

Nach dem Verkauf des Verlags 2007 wurde beim Architekturbüro Nixdorf Consult ein öffentlichkeitswirksamer Neubau samt Skulpturenhof in Auftrag gegeben, der 2009 eingeweiht wurde – und jetzt, umzingelt von Einfamilienhäusern und dem örtlichen Sanitätshaus, einen originellen und sehenswerten architektonischen Fremdkörper innerhalb des Möhringer Stadtbildes darstellt.

Die Architekten orientierten sich für den Galerieneubau lose an der ikonisch gewordenen kubischen Formensprache des „Neuen Bauens“, dem in Stuttgart durch die Weißenhofsiedlung ein Denkmal gesetzt wurde. Im Gegensatz zu den schlicht-funktionalen, aber auch sehr engen Innenräumen von Max Taut und Co. wurde auf großzügige Raumstrukturen und eine ausgeklügelte Tageslichtführung auf drei Stockwerken Wert gelegt. Die anthrazitfarbenen Klinkersteine der Fassade werden durch den delikaten Cognac-Ton von zwei eingeschobenen, kastenförmigen Baukörpern ergänzt.

Stuttgart-Möhringen ist zwar nicht Berlin-Mitte, aber eine Galerie in Süddeutschland zu betreiben – neben dem Rheinland immer noch gern als „Heimat der Sammler“ beschworen –, hat mit einem Kampf gegen Windmühlen nichts zu tun. Natürlich baut Karin Abt- Straubinger auch auf tatkräftige Unterstützung, um ihrem hohen Anspruch an Qualität gerecht zu werden.

Gleich für die erste Ausstellung holte sie sich mit dem documenta-IX-Macher Jan Hoet eine kuratorische Allzweckwaffe ins Boot. Dieser bespielt seither nicht ausschließlich, aber regelmäßig die Galerieräume und inszenierte zuletzt Skulpturen von Markus Strieder vor den Gemälden von Jan Kromke. „Eine stille, fast meditative Ausstellung, bei der Maler, Bildhauer und Architektur zu einer wunderbaren Einheit geworden sind – und sich dennoch jede Position behauptet hat.“

Abt-Straubingers Einsatz für Kunst und Künstler erschöpft sich aber nicht in der Galeriearbeit, in der sie zugunsten von wechselnden Konzeptausstellungen auf einen festen Künstlerstamm verzichtet. Im Jahr 2007 wurde mit der Karin-Abt-Straubinger-Stiftung ein weiterer wichtiger Grundstein zur Förderung von Künstlern und Kunstprojekten gelegt. Ein siebenstelliger Betrag wurde eingesetzt – seither werden von den Zinsen pro Jahr 50 bis 60 Projekte mit Beträgen zwischen 500 und 3.000 Euro gefördert.

Boris Petrovsky: iMachinery, 2007, Foto: Boris Petrovsky. VG Bild-Kunst Bonn 2012, erschienen in KUNST Magazin KMB1204

Wirklich jeder kann sich hier bewerben – es gibt weder regionale noch altersgebundene Einschränkungen. „Es war sogar mal ein mongolischer Künstler dabei, der nur Geld für Papier und Stifte wollte. Natürlich haben wir ihm das zur Verfügung gestellt. Inzwischen hören wir von den unterschiedlichsten Orten der Welt von ihm“, erzählt die von dieser Bescheidenheit beeindruckte Galeristin lachend.

Abenteuerlustig war auch das auf der Art Karlsruhe 2012 gezeigte Projekt „The Global Pursuit of Happiness or: The Army of Luck“, eine interaktive Installation aus 520 goldglänzenden japanischen Winkekatzen des Konzeptkünstlers Boris Petrovsky. Den populärphilosophischen Trend zur Ausdifferenzierung von Glück und der Suche danach nimmt Petrovsky zum Anlass, um mit seiner symbolisch aufgeladenen kleinen Fetischarmee Zeichensysteme, Vernetzungsstrategien und ihren Anteil an der Konstruktion von Wirklichkeit zu hinterfragen; den Katzen kommt dabei die Doppelrolle als Bedeutungsträger und -vermittler zu.

Formalästhetisch bringt Petrovsky außerdem das Verhältnis des Individuums zur Masse und die Wohlstandsversprechungen der Konsumgesellschaft ins Spiel. Die Installation lässt die Interaktion zwischen Werk und Betrachter nicht nur auf mentaler Ebene stattfinden: Eine in den kleinen Katzenärmchen eingebaute computergesteuerte Pfotenmechanik vermittelt ausgewählte Botschaften (auf der art Karlsruhe konnten diese von Messebesuchern auf Postkarten eingereicht werden), die für den Betrachter als Laufschrift nicht nur lesbar, sondern durch ein eigenartiges mechanisches Schwarmgeräusch sogar hörbar werden.

Mit Mise-en-scène kennt sie sich aus: Karin Abt-Straubinger in den Galerieräumen. Foto: André Rau, erschienen in KUNST Magazin KMB1204

Bis zum 20.4. stellt Petrovsky in der Galerie sogenannte „iCluster“ aus, die bewusst an die Idee von medialer Ich-Erweiterung der Apple- Produkte anknüpfen. Die Objekte aus recycelten Neonröhren wirken zunächst, als wäre das Frühwerk Bruce Naumans in den Schleudergang geraten, bieten als wandelbare Informationsträger aber wiederum performatives Potenzial. Die Ausstellung verlässt sich insgesamt stark auf die Oberflächenwirkung der Kunstwerke: Sie wird durch Veronika Wittes hybride, oft subversive Skulpturen – darunter ein ornamentales Gebilde aus aufblasbaren Schwimmdelfinen – und durch einen mit „Do not disturb“ betitelten, raumerweiternden Stahl- Folie-Kubus von Nikolaus Koliusis ergänzt.

Das Programm der Galerie Abtart allein mit einer Art zeitgenössischem Neoeklektizismus
in Verbindung zu bringen, bleibt zwangsläufig unzulänglich. Die gezeigte Kunst spiegelt vor allem die beständige Freude der Galeristin am Experiment und ihre nach allen Seiten hin offenen Sinne.

Galerie Abtart
Rembrandtstr. 16, Stuttgart-Möhringen
“Reflection, Brightness + Effect – and some Inflatables”
Running to 20 April, Tues–Fri 2-7pm, Sat am10–1pm

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