Galerieprofil: Das Verborgene Museum „… nachfragen, sichten, blättern, lesen, suchen …“

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Eva Besnyö: Sommerhaus Groet, Nord-Holland, 1934

Eva Besnyö: Sommerhaus Groet, Nord-Holland, 1934 © Eva Besnyö/MAI Amsterdam. Erschienen in KUNST Magazin KMB1112.

In Archiven, den Tiefen der Bibliotheken, in Kisten, Koffern, Kellern und Dachkammern schlummern sie: Fotos, Briefe, Bilder, alltägliche Dokumente eines Lebens, Fragmente einer längst vergessenen Biografie einer schon unbekannten Künstlerin, in alle Himmelsrichtungen verstreut. Der Verein „Das Verborgene Museum e. V.“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Fragmente zusammenzusetzen, die Lebensläufe vergessener Künstlerinnen zu rekonstruieren und in einer Retrospektive der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Chefkuratorin Marion Beckers gewährte einen Blick hinter die Kulissen.

Seit wann gibt es die Idee, Biografien vergessener Künstlerinnen zu rekonstruieren?
Das Verborgene Museum e.V. wurde 1986 in Berlin mit der Zielsetzung gegründet, Lebenswerk und Lebensgeschichte von Künstlerinnen zurückliegender Jahrhunderte bzw. nicht mehr aktiv tätiger Künstlerinnen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in Vergessenheit geraten sind, durch öffentliche Präsentation und wissenschaftliche
Aufarbeitung bekannt zu machen.

Wer gab den Anstoß?
Die Malerinnen Gisela Breitling und Evelyn Kuwertz hatten die Idee, zur Förderung von Künstlerinnen einen Verein, der sich aus interdisziplinär engagierten Frauen zusammensetzt (Kunstgeschichte, Architektur, Soziologie, Fotografie, Film, Geschichte), zu gründen: Das Verborgene Museum – Dokumentation der Kunst von Frauen e.V. mit den bis heute bestehenden Ausstellungsräumen in der Charlottenburger Schlüterstraße 70.

Wie wird die Initiative finanziert?
Die ersten Jahre waren geprägt von ehrenamtlicher Tätigkeit mit Unterstützung durch private Spenden und Erlöse aus Benefiz-Auktionen etc. Seit 1990 erhält das Verborgene Museum auf jährlich zu stellenden Antrag Infrastrukturmittel als Zuwendung durch die Senatskanzlei „Kulturelle Angelegenheiten – Künstlerinnenprogramm“. Die Finanzierung der Ausstellungsprojekte wird gesondert bei Stiftungen, Sponsoren, Fonds, bei den Angehörigen der Künstlerinnen usw. eingeworben.

Welche Gründe sprachen gegen die Einrichtung eines weiteren Archivs für Berlin?
Ein Archiv bedarf besonderer, auf die Sammlungsobjekte hin ausgestatteter Räumlichkeiten, einer kontinuierlichen Betreuung sowie einer entsprechenden technischen Ausstattung und eines eigens ausgebildeten Personals. Daran war in der Zeit nach der Wende überhaupt nicht zu denken.

Eva Besnyö: Junge mit Cello, Balaton, Ungarn 1931

Eva Besnyö: Junge mit Cello, Balaton, Ungarn 1931 © Eva Besnyö/Maria Austria Instituut Amsterdam. Erschienen in KUNST Magazin KMB1112.

Welche Kriterien gibt es für die Auswahl der zu entdeckenden Künstlerinnen?
Erstes Kriterium ist die Professionalität. Dann kommt die Realisierbarkeit von Ausstellung und Publikation, wobei einerseits eine bestimmte Menge präsentierbarer Werke vorhanden sein muss, andererseits muss die finanzielle Seite geklärt sein.

Wer „findet“ sie?
Das aktive Team im Verborgenen Museum macht Vorschläge, Nachlassverwalter treten an uns heran, Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker haben bereits ausgearbeitete Manuskripte, manchmal kommen Hinweise auch aus den Museen.

Sind die zu erforschenden Künstlerinnenbiografien bis heute vollkommen unbekannt?
Es gibt Künstlerinnen, die zu Lebzeiten schon berühmt waren, über die manchmal auch publiziert worden ist, über deren Werk und Ausstellungen Rezensionen in Zeitschriften und Jahrbüchern existieren. Emigration und Vertreibung, schließlich die Folgen des Zweiten Weltkriegs, der Ateliers, Archive und Aufbewahrungsorte in Schutt und Asche gelegt hat, haben vor allem Frauen in Vergessenheit geraten lassen. Die Werke sind heute häufig zerstreut und die Lebensgeschichten der Künstlerinnen nur in Fragmenten anhand von Dokumenten rekonstruierbar.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Berlinischen Galerie?
Als wir zum ersten Mal mit dem damals neuen Direktor, Dr. Thomas Köhler, über unsere geplanten Projekte sprachen, war er sofort von den Fotografien von Eva Besnyö überaus begeistert.

Wie viele Ausstellungen entstanden für die Berlinische Galerie?
Mit der derzeitigen Ausstellung „Eva Besnyö – Fotografin 1910–2003. Budapest – Berlin – Amsterdam“ sind wir zum zweiten Mal zu Gast in der Berlinischen Galerie. Vor drei Jahren haben wir dort die Ausstellung der Berliner Atelierfotografin vom Kurfürstendamm, „Die Riess – Fotografisches Atelier und Salon 1918–1932“, gezeigt.

Das Verborgene Museum hat zuvor im Berlin-Pavillon (damals zur Senatsverwaltung SenBau–Wohnen gehörend) die Berliner Architektin Hilde Weström vorgestellt und im Ephraim-Palais der Stiftung Stadtmuseum die Malerin Lotte Laserstein. Wenn wir mit dem Material für Ausstellungen in der Schlüterstraße an unsere räumlichen Grenzen stoßen, gehen wir hinaus und suchen für die Projekte Partnerinstitutionen. Die bisherigen Erfahrungen waren für alle Beteiligten sehr erfreulich

Eva Besnyö: Starnberger Strasse, Berlin, 1931

Eva Besnyö: Starnberger Strasse, Berlin, 1931 © Eva Besnyö/MAI Amsterdam. Erschienen in KUNST Magazin KMB1112..

Ist eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie die erste Präsentation des Werkes der Künstlerin, nachdem sie – für lange Zeit – in Vergessenheit geraten ist?
Nein, in den Niederlanden ist Eva Besnyö sehr bekannt und häufig ausgestellt worden, aber in Deutschland ist es ihre erste Retrospektive, zudem mit Vintage-Prints.

Welchen Vorlauf braucht eine Ausstellung?
Jede größere Ausstellung mit Publikation braucht für Recherche, Textbearbeitung und die Auswahl der Ausstellungsobjekte – inklusive der Anwerbung von finanziellen Mitteln – mindestens drei Jahre Vorlauf.

Wie viele Mitarbeiter sind an einem Projekt beteiligt?
Viel zu wenige, weil die geldgebenden Stellen gerne die beantragten Mittel für Personalkosten dezimieren oder ganz streichen. Notwendig sind ein bis zwei Kuratorinnen bzw. Kuratoren, eine Assistenz der Kuratorentätigkeit und Presse-Mitarbeiterinnen, schließlich müssen die Ausleihe, die Verwaltung, der Auf- und Abbau und je nach Projekt eine Menge Schreibtischarbeit geleistet werden.

Wie sieht die Recherche aus? Wo findet sie statt?
Wenn ein Nachlass – Werke der bildenden Kunst und Dokumente – vorhanden ist, ist das in der Regel eine gute Ausgangsbasis. Ohne vorhandenen Nachlass müssen die Werke gesucht werden: in Museen, Archiven, Bibliotheken und manchmal auch bei den weit verzweigten Familienmitgliedern und neuen Besitzern, die Werke über den Kunsthandel erworben haben. Das bedeutet nachfragen, sichten, blättern, lesen, suchen – oft auch ohne Erfolg.

Wird jede Ausstellung durch einen Katalog, der die Rechercheergebnisse zusammenfasst, begleitet?
Ja, wir haben es uns zum Prinzip unserer Arbeit gemacht, zu jeder Ausstellung eine Publikation vorzulegen, die nicht immer von uns selbst oder in unserem Auftrag gemacht zu sein braucht, aber dem Publikum und den kunsthistorisch Arbeitenden etwas an die Hand gibt zur Einbeziehung in die weiteren kulturgeschichtlichen Untersuchungen. Ohne schriftliche Dokumentierung ist das abermalige Vergessen vorprogrammiert. Im Idealfall können wir eine Monografie mit ausführlicher Biografie, mit Abbildungen und Werkverzeichnis vorlegen.

Eva Besnyö: Selbstporträt, Berlin 1931

Eva Besnyö: Selbstporträt, Berlin 1931 © Eva Besnyö/Maria Austria Instituut Amsterdam. Erschienen in KUNST Magazin KMB1112.

Gibt es Projekte, die wegen mangelnder Informationen abgebrochen wurden?
Nein, die Vorarbeit muss das Ergebnis eines vorzeigbaren Projektes garantieren, was bisher auch immer geklappt hat; in Einzelfällen liegt das Material manchmal auch jahrelang bis zur Realisierung. Den Abbruch eines Projektes gab es bisher nur, weil die Finanzierung – anders als erwartet – nicht zustande kam.

Welches Projekt ist Ihnen besonders in Erinnerung?
In den vergangenen 25 Jahren hat Das Verborgene Museum durch Ausstellungen und Publikationen ca. 100 Lebenswerke präsentiert. Zu den besonderen Erinnerungen gehört die Ausstellung der Berliner Malerin Lotte Laserstein (1898–1993), von der das Gemälde „Abend über Potsdam“, ein Schlüsselwerk von 1930, im vergangenen Jahr über den Kunsthandel für die Neue Nationalgalerie erworben werden konnte. Ohne die Ausstellung des Verborgenen Museums im Jahr 2003, hier war es als Leihgabe aus Großbritannien zu sehen, hätte dem Gemälde wohl niemand Aufmerksamkeit geschenkt, als es 2010 zum Verkauf stand.

Wie ist die Resonanz auf die Ausstellungen? Gibt es internationale Anfragen? Gibt es Folgeausstellungen, die andere Institutionen, angeregt durch die Entdeckung in der Berlinischen Galerie, organisieren?
Ja, die Ausstellung „Eva Besnyö“ wird sehr wahrscheinlich nach Paris übernommen werden. Das liegt natürlich auch an Besnyös europäischem Lebensweg und ihrer für ein internationales Publikum interessanten Fotografie. Das ist natürlich bei einem vorwiegend regional bzw. national interessanten Oeuvre nicht der Fall.

Seit Bestehen des Vereins haben sich nationale und internationale Verbindungen mit Museen, Archiven und Hochschulen, mit Fachkollegen und Galeristen, Nachlassverwaltenden und dem Publikum zu einem Netzwerk entwickelt, das seinerseits wiederum dazu führt, vergessene und verstreute Nachlässe von Künstlerinnen zutage zu fördern. Das Internet hat diesen Raum zudem maßlos erweitert. Wir erleben immer wieder ein an Neuentdeckungen sehr interessiertes Berliner und internationales Publikum.

Was ändert sich für die Kunstgeschichte durch die zusätzlichen künstlerischen Positionen? Müssen Kapitel neu geschrieben werden?
Das sollte geschehen, ist aber ein hürdenreicher Hindernislauf in den Köpfen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, aber auch bei denjenigen, die für die Öffentlichkeitsarbeit und in Verlagen für das Programm zuständig sind. Das Interesse an
zeitgenössischer Kunst wird seit Längerem besonders unterstützt, allerdings wird eher die x-te Publikation von in der Kunstgeschichte etablierten Künstlerinnen und Künstlern veröffentlicht, als dass nach 20 Jahren eine zweite Veröffentlichung über eine wenig bekannte Künstlerin publiziert wird.

Text: Marion Beckers, Katharina Helwig

DAS VERBORGENE MUSEUM
Dokumentation der Kunst von Frauen e.V., Schlüterstr. 70, 10625 Berlin-Charlottenburg

Das Verborgene Museum zu Gast in der Berlinischen Galerie:
Eva Besnyö. Fotografin 1910–2003. Budapest – Berlin – Amsterdam.
Alte Jakobstr. 124–128, 10969 Berlin-Mitte, Mi bis Mo 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 8 Euro, erm. 5 Euro

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