
Salzburg Surreal: Blick durch einen von vier Glaskuben von Brigitte Kowanz. Foto: Michael Schäfer
Tradition und Moderne – seit der Eröffnung des Museums der Moderne in Salzburg, das 60m über dem Stadtzentrum auf dem Mönchsberg thront, setzt die kleine Stadt im österreichischen Salzkammergut innerhalb dieser Pole Maßstäbe. Anfang Oktober wurden die letzten drei Kunstwerke des “Walk of Modern Art” eingeweiht, einem privat finanzierten Projekt, das der Stadt seit 2002 jährlich ein Kunstwerk stiftet.
Kunst als viertes kulturelles Standbein für Salzburg
Beim Stichwort Salzburg zauberflötet fast automatisch ein leises “Papapapapageno” im Ohr, gepuderte Perücken auf enthusiastisch agierenden Dirigentenhäuptern steigen vor dem imaginären Auge auf, man sinniert über den Jedermann und seine Probleme mit Gott, dem Teufel, einer gewissen Buhlschaft und allerlei anderen Personifikationen. Während der Appetit auf Backhendl, Nockerln und Knödel wächst, stimmt der charmante Salzburger Schmäh vergnüglich. Zeitgenössische Kunst wird auf solch einer kulturellen Landkarte jedoch bestenfalls zur Randerscheinung – das geistige Klima gilt als sehr konservativ.

Manfred Wakolbingers "Connection" adelt einen "Unort" der Stadt - am Rudolfskai toben sich an den Wochenenden die Jugendlichen aus, sehr zum Ärger mancher Einwohner. © Salzburg Foundation, Foto: Wolfgang Lienbacher
Der Präsident der Salzburg Foundation, Karl Golleger, ist erfreut darüber, dass die Mozartstadt neben Oper, Theater und Konzert nun auch über ein “viertes kulturelles Standbein” verfügt. Er erinnert sich an “skeptische bis negative Reaktionen” und erheblichen Widerstand aus der Bevölkerung gegen die Durchsetzung des Projekts. In Anbetracht der Tatsache, dass sich die Foundation aus privaten Mitteln finanziert – die Summen pro Kunstwerk werden auf mehr als eine halbe Million Euro beziffert, zu den Förderern gehört Reinhold Würth- erstaunt dies umso mehr: um Steuergelder ging es bei den Protesten nicht.
“Das Wesentliche der Kunst ist, sich darauf einzulassen”
Walter Smerling, künstlerischer Leiter der Salzburg Foundation und Vorsitzender der Stiftung für Kunst und Kultur e.V. Bonn, ließ sich die Laune jedenfalls nicht verderben. Smerling hat seit 2002 eine beachtliche Riege internationaler und sehr arrivierter Positionen in Salzburg versammelt: Anselm Kiefer (2002), Mario Merz (2003), Marina Abramović (2004), Markus Lüpertz (2005), James Turrell (2006), Stephan Balkenol (2007), Tony Cragg (2008), Christian Boltanski (2009) und Jaume Plensa (2010).
Seine Auswahlkriterien umreißt er nur vage – dass sowohl Kiefer, Lüpertz wie auch Balkenol dann auch in der von ihm kuratierten, umstrittenen “Best-of”-Ausstellung “Sechzig Jahre, Sechzig Werke” vor zwei Jahren im Martin-Gropius-Bau dabei waren, ist aber sicherlich kein Zufall. “Kunst im öffentlichen Raum bedeutet Dialog und Auseinandersetzung”, unterstreicht Smerling, und freut sich über die jüngsten Entwicklungen: Im Januar soll ein Buch erscheinen. Darüber hinaus ist eine Vertonung der einzelnen Kunstwerke und deren Uraufführung bei den Salzburger Festspielen geplant.
Vorbildlicher Prozess öffentlicher Auseinandersetzung

Marina Abramović - Spirit of Mozart, an der Staatsbrücke © Salzburg Foundation, Foto: Salzburg Foundation © VG Bild-Kunst, Bonn
Wirkliche Interventionen – Eingriffe in das öffentliche Bewusstsein verbunden mit der Aufforderung an den Betrachter, kritisch Stellung zu beziehen – finden in Salzburg nicht statt. Anselm Kiefers arbeitet sich in “A.E.I.O.U.” ( angelehnt an einen bekannten habsburgerischen Wahlspruch) an der Vergangenheit Österreichs ab und lädt in einem eigenen Mini-Museum zur poetischen Kontemplation ein. James Turell´s “Sky Space” vergegenwärtigt Lichtwahrnehmung und bietet zur Dämmerung eine zeitgenössische Interpretation der romantischen Sonnenuntergangsszenarien Caspar David Friedrichs. Auch Marina Abramovićs Beitrag fällt vergleichsweise mäßig aus. “Spirit of Mozart” fordert zur inneren Versenkung auf - im Schatten des hoch über den Köpfen thronenden musikalischen Genies.

Die zuvor verschüttete Krypta wurde mit Mitteln der Foundation in Stand gesetzt. Christian Boltanski - Vanitas © Salzburg Foundation, Foto: Wolfgang Lienbacher © VG Bild-Kunst, Bonn
Während Stephan Balkenol eine gigantische goldene Kugel samt Holzskulptur mitten auf dem Kapitelplatz aufgestellt hat, an der man nicht vorbei kommt, zieht auch Christian Boltanski Ruhe und Besinnung vor. In der aufgeladenen Atmosphäre der Krypta des Salzburger Doms erzeugt die Installation “Vanitas” mit so simplen Mitteln wie flackernden Kerzen, einer Zeitansage und einem Totentanz kleiner Metallskelette das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit.

Dieser Anblick lässt nicht jeden kalt. Markus Lüpertz: "Mozart - Eine Hommage". Ursulinenplatz. © Salzburg Foundation. VG Bild-Kunst, Bonn
Mozart in Gefahr!
Für den größten Aufreger sorgte die Lüpertz-Plastik “Hommage an Mozart”. Er platzierte eine für ihn typische, knubbelige, kräftige, versehrte und sehr weibliche Figur auf dem Ursulinenplatz vor der Markuskirche, und stattete sie mit mit einem Mozartzöpfchen aus. Der inzwischen verstorbene, als “Pornojäger” bekannte Martin Humer verübte einen Anschlag auf das Kunstwerk, indem er es mit Farbe und Federn verunstaltete. Schon im Vorfeld hatte es beim Pfarrer immer wieder Beschwerden gegeben. Der Künstler selbst kümmerte sich um die Instandsetzung seiner Plastik.
Nun müssen sich die Salzburger noch an die letzten Beiträge gewöhnen: Brigitte Kowanz’ Installation “Beyond Recall” – mehr Mahnmal als Intervention – thematisiert die Vergangenheit der Stadt und erinnert an die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die die Staatsbrücke zwischen 1941 und 1945 errichten mussten. Vier auf den Sockeln der Brückenköpfe aufgestellte Glaskuben wurden von der Künstlerin mit assoziativen Schriftzügen versehen, die mit ihren Spiegelungseffekten an die fragmentarische menschliche Erinnerung gemahnen – und wirklich toll aussehen. Mit etwas mehr Körpereinsatz kann man Manfred Wakolbingers “Connection” begegnen, und einen Blick ins Innenleben der wurmartigen Edelstahlskulptur werfen. A propos Wurm. Natürlich ist da noch der inzwischen liebevoll als “Gurkerl” bezeichnete Beitrag Erwin Wurms, dessen amüsante “One Minute Sculptures” die Grenzen von Subjekt und Objekt untersuchten.
Aber wie macht man sich einen Reim auf die Gurkerl, wenn einem der fast hundertjährige Diskurs des Stellenwerts von Skulptur seit Duchamp gerade nicht geläufig ist? Dann lebt das Objekt wieder allein von seiner physischen Präsenz und der natürlichen Reaktion des Betrachters. “Scheußlich,”, meint ein älterer Herr, der kopfschüttelnd vor den Gurken steht. “Und außerdem fehlt mir hier der Senf!”

Gegenüber des Festspielhauses, im Blickfeld Schillers. 5 Gurken aus Bronze von Erwin Wurm. © Salzburg Foundation. Foto: Wolfgang Lienbacher. © VG Bild-Kunst, Bonn







