
“Arm aber sexy”, nannte Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit seine Stadt einst. Doch wie sexy ist diese Stadt, wenn tausende Kunst- und Kulturschaffende, die maßgeblich zur Anziehungskraft Berlins beitragen, an oder sogar unter der Armutsgrenze leben? Die 2011 gegründete Aktionsgruppe “Haben und Brauchen” hat nun ein Manifest erarbeitet, welches diesen Zustand anprangert.
Berlin brüste sich mit der facettenreichen Kulturlandschaft, die die Stadt so anziehend für Touristen macht. Doch für die Protagonisten der Szene, die zu dieser “Glamourisierung” beitragen, springt nur wenig dabei heraus: Die Mehrheit der in Berlin ansässigen Künstler verdient ihren Lebensunterhalt mit Spartenfernen Brotjobs oder durch den Verkauf ihrer Arbeiten in anderen Städten, weil die Galerien der Stadt nicht ausreichend Umsatz machen. Die öffentlich zur Verfügung gestellten Förderungen und Stipendien reichen an allen Ecken und Enden nicht aus, steigende Mieten erhöhen den Druck auf die Lebensbedingungen. Nicht selten werden Kulturschaffende für ihre Arbeit nur minimal oder gar nicht bezahlt.
Die Aktionsgruppe “Haben und Brauchen”, die seit 2011 zu regelmäßigen Diskussionsrunden einlädt und Anfang des vergangenen Jahres mit ihrem offenen Brief gegen die geplante “Leistungsschau” (die später in “Based in Berlin” umgetauft und von vielen Berliner Künstlern boykottiert wurde) auf großen Zuspruch stieß, formuliert in ihrem kurzen Manifest die Bedingungen, die erforderlich sind, um die Produktion der Kunst- und Kulturszene Berlins aufrecht zu erhalten.
Mindestlohn für Kulturarbeiter
Kulturelle Arbeit kostet Zeit und Geld, heißt es dort. “So wie Wissenschaftler Zutritt zu Bibliotheken brauchen, benötigen Kulturschaffende, um arbeiten zu können, die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit dem kulturellen Leben der Stadt, zu dem sie beitragen, und also freien Eintritt zu Museen, Theatern und Bibliotheken.” Des Weiteren sei es nicht akzeptabel, dass gut ausgebildete Personen mit jahrelanger Berufserfahrung schlecht oder gar nicht bezahlt werden, weshalb Mindestlöhne für Kulturarbeiter unabdingbar seien. Auch die Sicherung bezahlbarer Ateliers und Kunsträume gehört zu den Forderungen.
Haben und Brauchen schließen daraus: “Der Kunstmarkt allein liefert keine ausreichende ökonomische Grundlage für das aktuelle Kunstgeschehen in Berlin. [...] Was die Stadt der Kunst geben sollte, ist schlicht ein Anteil an dem, was die Kunst der Stadt gegeben hat und weiterhin gibt.”
Das vollständige Manifest können Sie auf der Homepage der Aktionsgruppe “Haben und Brauchen” sowohl in deutscher als auch in englischer Fassung herunterladen. Zusätzlich wird es am Sonntag, 29. Januar 2012 ab 19 Uhr eine Präsentation und Diskussion des Textes im Salon Populaire, Bülowstrasse 90, 10789 Berlin geben.








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