
© Nikolai Makarov
Wenn man Nikolai Makarovs düstere Schleierbilder zum ersten Mal sieht, könnte man meinen, er habe sich auch selbst der Melancholie verschrieben. Tatsächlich hört der 59-jährige beim Arbeiten mit der Spritzpistole am liebsten Reaggae und Heavy Metal. Seine stimmungsvollen Malereien sind aktuell in der neuen Dependance der Fotogalerie Camera Work Contemporary in der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule in Berlin Mitte zu sehen.
In den lichten Räumen mit den hohen Decken gewinnen die Bilder zusätzlich an Schwere. Motive aus der Kunstgeschichte wechseln sich mit fotorealistischen Impressionen ab. Sie alle eint ihre melancholische Grundstimmung und der perfekt kalkulierte Farbauftrag.
Herr Makarov, Sie haben mal ein eigenes Museum ins Leben gerufen. Wie wichtig ist ihnen der Raum, in dem sie ausstellen?
Naja, das kann man nicht immer beeinflussen. Ich hatte hier in der Linienstraße das ‘Stille Museum’ gemacht und alles konzipiert – Farbe, Licht – es war perfekt. Manchmal ist es wie in New York – da funktioniert das anders. Dort fragen sie, wie man es haben möchte. Nachts kommen dann 10 Leute und am nächsten Tag ist schon die Wandfarbe abgestimmt und das Licht installiert. Ich war als Künstler immer froh, wenn ich in einer Galerie ausstellen durfte, auch wenn das oft nichts bringt, wenn man nichts verkauft und sich fragt: “Was machst du hier?”. Gerade, wenn der Aufwand vorher groß war.
Wie lange brauchen sie denn für ein Bild?
Hier habe ich relativ schnell gemalt (zeigt auf eine großformatige Variation der “Paris Bar”), das war vielleicht so in einer Woche fertig. Ich setze ich mich manchmal selbst ziemlich unter Druck für Ausstellungen und Ideen. Für die Ausstellung im Kühlhaus am Gleisdreieck (Zwiesgespräche, 2010) hatte ich ein Jahr Zeit. Man muss ausdenken, probieren, Formate testen bis es funktionert, dann eine Auswahl schaffen. Ich habe dann 16 Bilder ausgewählt, die dorthin passten. Das war eine richtige Schufterei, weil ich auch ein Buch hatte, das dazu erscheinen sollte und ich arbeite am liebsten bis zum Schluss.

© Nikolai Makarov
Ist ihnen dieser “Aufwand” wichtig?
Nein, lästig. Aber ich weiß, nur so funktioniert das, was ich haben will. Wenn ich sage, ich mache schnell, dann fehlt da was und das Bild ist noch nicht gut, stimmt nicht. Lieber die halbe Nacht bis um 4 sprühen und dann lohnt sich das. Ich hab schon viel ausgestellt, die Leute haben sowas noch nie gesehen. Für einen Künstler ist es wichtig: was will ich sagen und was drücke ich für eine Stimmung aus. Ich bin ein Stimmungsmaler.
In welcher Stimmung befinden sie sich, wenn sie malen?
Traurig bin ich nicht. Ich mache mir irgendwelche Reggeamusik oder Heavy Metal an und dann male ich, um mich zu beruhigen. Ich merke, dass es mir gut tut. Ich hör da jetzt nicht schöne Kirchenmusik.
Wie treffen Sie Ihre Farbauswahl?
Ich trage genausoviel Farbe auf, wie es mir guttut. Also ich kann zum Beispiel nicht ein Pink nehmen und dann dazu noch was. Ich kann damit nichts anfangen, weil ich dann unsicher werde. Ich weiß ganz genau, wieviel ich da mache bis es stimmt. Es geschieht aus dem Bauch hearus, auch wenn kompositorisch vorher alles ganz genau berechnet ist. Das habe ich bei Tizian und Rembrandt gelernt. Die Farben sind auch so angelegt, wie bei alten Meistern, sehr starke Töne, dann gehts drüber. Ich höre auf, wenn ich merke, da muss ich gar nichts dazu sagen, das Bild funktioniert.
Verbindet also bei Ihnen die Technik Ihre Arbeiten viel eher als bestimmte Motive?
Jaja, aber die Motive spielen auch eine Rolle. Bei Venedig zum Beispiel: da hatte ich mal etwas in einem Atlas gesehen, das ich interessant fand: die Brücken und die Stimmung. Ich bin dann hin, losgerannt mit dem Fotoapparat, weil es so ein Nebel war, geknipst und dann sind die Motive ziemlich ähnlich, aber unabhängig davon. Mit den alten Meistern beschäftige ich mich schon seit den 90er Jahren oder länger. Es gab mal eine große Ausstellung: Dialog mit Rembrandt. Da hatte ich in der Akademie der Künste ausgestellt und parallel im Alten Museum.
Haben sie sich damals auch so damit auseinandergesetzt, wie bei den aktuellen Arbeiten?
Da war es auch völlig aufgelöst – also die Vorlage, ein Rembrandtbild. Zum Beispiel “Die Verschwörung” habe ich in Originalgröße gemalt, so wie es bei Rembrandt war, aber total aufgelöst und unscharf, nur dieses geheimnissvolle Licht von den Gestalten ist geblieben.
Ist diese Technik also für sie eine Art Katalysator, mit dem sie am Ende nur das rausfiltern, was sie interessiert?
Ja, Details interessieren mich nicht – irgendwelche Muster – aber dieses Licht und Dunkel, das ist ein wichtiges Thema: Leben und Tod, Gut und Böse, Schwarz und Weiß – alles was sich gegenseitig bedingt wie Plus und Minus.

© Nikolai Makarov
Schmeißen sie auch mal Bilder weg, wenn sie die nicht mehr retten können?
Zeit ist Geld bei mir, ich gehe dann lieber mal schön eine Zigarette rauchen. Ich mache keinen Ausschuss. Bevor ich anfange, mache ich lieber mal einen Tag gar nichts, an dem ich noch überlege und nicht sicher bin. Dann geh ich in die Paris Bar. Aber wenn ichs ganz genau weiß, dann fange ich direkt an und ziehe es durch.
Sie haben der Paris Bar von Kippenberger auch einen Werkzyklus gewidmet.
Ich war früher sehr oft da nachts, es war mal kultig in den 80er Jahren. Da saßen die Künstler der UdK mit den Professoren: Graubner und Baselitz und wie die alle hießen. Die waren alle da. Heute ist es mehr für Leute die hoffen es kommt jemand wichtiges vorbei.
Es war mal ein Zitat, aber im Prinzip ist das egal. Die Landschaft dahinter ist, wie bei
Kippenberger, nur ein Film. Meine Idee war, die Paris Bar in einem Bild vorkommen zu lassen und nicht umgekehrt. Das hier ist ein Zitat von Arnold Böcklins Toteninsel. Zusammen genommen könnte man es als “Untergang” der Paris Bar betrachten.







