Kritische Bildproduktion Maja Weyermann bei uqbar

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Maja Weyermann, Szczecinek 1, 2010

Maja Weyermann, Szczecinek 1, 2010

Rendering als Lambdaprint, 33 x 60 cm. Copyright: Maja Weyermann, Berlin, 2010, Abbildung erschienen in KUNST Magazin Ausgabe November 2010

Thomas Wulffen

Das digitale Bild ist allgegenwärtig. Diese Allgegenwärtigkeit ist so präsent, dass wir sie gar nicht mehr bemerken. Allenfalls, wenn ein Fehler auftaucht, fragen wir uns als Betrachter, ob es sich wirklich um einen Fehler handelt oder ob hier nur die Aufmerksamkeit angesprochen werden will. Q. e. d.
Vor Kurzem hingen in der U-Bahn-Station Frankfurter Tor zwei Plakate ähnlichen Aussehens, die jeweils in der linken oberen oder rechten unteren Ecke seltsame Kritzeleien aufwiesen. Zuerst lag die Vermutung nahe, dass es sich um äußerliche Eingriffe auf das jeweilige Plakat handelte. Eine nähere Untersuchung entlarvte diese Striche jedoch als digitalen Scherz: fishing for attention – in der Form eine Ausnahme, obwohl gerade Werbe-Bilder permanenter digitaler Bearbeitung unterliegen. Wer heute noch von einem „richtigen“ Bild träumt, der muss seinen analogen Film schon selber entwickeln, falls er dergleichen überhaupt noch findet. Dennoch gibt es im digitalen Kosmos nach wie vor Klärungsbedarf – die digitalen Bilder lassen sich durchaus noch nach Abbildung und Nachbildung differenzieren.
Ebendieser Unterschied ist ein wesentliches Moment in der Arbeit und der Ausstellung von Maja Weyermann in der Galerie uqbar. Der seltsame Titel der Ausstellung „Real time nomads“, in der dem Besucher vermeintliche Fotografien neben Skizzen und anderen Aufzeichnungen präsentiert werden, erklärt sich erst im zweiten Schritt. Für das Ausstellungsprojekt hat die Künstlerin Ladenbesitzer mit Migrationshintergrund nach Erinnerungen an Räume aus ihrer Kindheit befragt. Diese Erinnerungen hat Maja Weyermann zunächst in Skizzen festgehalten, um sie anschließend im digitalen Raum wieder herzustellen. Das daraus entstandene Bild wurde den Befragten noch einmal zur Korrektur vorgelegt, die Korrekturen ihrerseits wurden in das Bild integriert.
Zwei Momente sind bei diesem Vorgang entscheidend: Ein imaginierter Raum wird in der digitalen Rekonstruktion abgebildet, wobei diese Rekonstruktion dann noch einmal korrigiert wird.
Das gewöhnliche digitale Bild, sei es als Aufnahme oder Konstruktion, wird selten mit der „Wirklichkeit“ konfrontiert. In diesem Falle aber ist die Wirklichkeit eine Erinnerung auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Das digitale Bild behauptet sich dagegen als Realität aus sich selbst, die bei genauerem Hinsehen eine Schimäre ist. Maja Weyermann lässt in ihren Bildern die Konstruktion als solche sichtbar werden. Zum einen scheint das Bild unvollständig, oder es weist Fehler auf. Zum anderen ist es durch Skizzen oder analoge Fotos ergänzt, die die digitale Wirklichkeit enträtseln können – die handschriftliche Zeichnung gewinnt vor dem Hintergrund der gewählten Bildproduktion ebenfalls eine andere Bedeutung.
Und plötzlich scheinen zwei verschiedene Wirklichkeitskonzepte in Konkurrenz zu treten – auf der Suche nach dem verlorenen Bild: real time nomads.
Die an dem Projekt beteiligten Ladenbesitzer können in ihren Geschäften besucht werden und stehen für Fragen zur Verfügung.

5.11., 14h: Artist-talk und Führung zu den umliegenden Ladenlokalen
20.11., 20h: Finissage. Maja Weyermann im Gespräch mit einer Interviewpartnerin

Weitere Informationen finden Sie auf der Projektwebsite www.real-time-nomads.com

Real-Time-Nomads ist ein Projekt von Maja Weyermann in Kooperation mit der Internationalen Akademie für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie (INA) an der Freien Universität Berlin, dem Büro für psychosoziale Prozesse, uqbar, Collegium Hungaricum Berlin, dem Neuen Berliner Kunstverein sowie THE KNOT und wurde finanziert mit Unterstützung der European Cultural Foundation und LURI.watersystems.GmbH.

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