Kunst in der Petrischale

Eva-Maria Schön, Paralleles Labor / Courtesy: KIT SCHULTE

Die Freiheiten der schönen Künste und die exakten Gesetzmäßigkeiten der Naturwissenschaften – gegensätzlicher können zwei Disziplinen eigentlich gar nicht sein. Doch eine Ausstellung in der Galerie KIT SCHULTE in Berlin zeigt nun, dass eine beidseitige Annäherung durchaus funktionieren kann.

Anknüpfend an das Jahresthema der Akademie der Wissenschaften in Berlin – „Wissen ist Kunst – Kunst ist Wissen“ – gingen die drei Künstlerinnen Juliane Laitzsch, Katrin von Lehmann und Eva-Maria Schön mit den Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik in Berlin auf Tuchfühlung.

Die Idee zur Kooperation ist einem Zufall zu verdanken: Katrin von Lehmann war häufig zu Gast in der Institutskantine in Berlin-Zehlendorf – und wurde langsam aber sicher auf die dort arbeitenden Menschen neugierig. Es folgten intensive Gespräche beim Mittagessen und ausführliche Laborführungen. Aus den ersten Annäherungsversuchen wurde bald ein intensiver Austausch, der die Künstlerinnen zu eigenen Fragestellungen und Projekten anregte, die nun bei KIT SCHULTE zu sehen sind.

Juliane Laitzsch, Lebensbaum 1, 2012, Bleistift und Tusche auf Papier, 100 x 70 cm

Die Zellkernteilung der Fruchtfliege

Juliane Laitzsch setzt sich mit dem Phänomen der embryonalen Entwicklung auseinander: Wie kann aus einem Zellhaufen ein komplexes Lebewesen entstehen? Nach Vorlage einer Anleitung zu einem Mustersticktuch aus dem 19. Jahrhundert, welches Rosetten und Lebensbäume zeigt, fertigt die Künstlerin Zeichnungen an, in denen sie die vielschichtigen Prozesse der Ausdifferenzierung untersucht. Die Farb- und Bleistiftzeichnungen ergänzt sie um Auszüge aus Abhandlungen des Max-Planck-Instituts – Kunst und Wissenschaft werden in Laitzschs Arbeiten somit aufs Engste miteinander verknüpft.

Inspiriert durch einen Mikroskop-Film über die Zellkernteilung der Fruchtfliege, beschäftigt Katrin von Lehmann sich in ihrer Serie „Duplex et Semi“ mit den Schritten, die bei der Zellteilung aufeinander folgen: Verdopplung und Teilung. Die Künstlerin ahmt diese Prinzipien in ihrem Arbeitsprozess nach, indem sie abstrakte Fotografien kopiert, in Streifen zerschneidet und anschließend durch Flechtungen wieder miteinander verbindet.

Zufall auf Fotopapier

Eva-Maria Schön macht sich hingegen die wissenschaftliche Arbeitsweise des Mikroskopierens zu Eigen: In ihren Papier- und Fotoarbeiten experimentiert sie mit den Auswirkungen von minimalen Bewegungen und Farbmischungen – und welche Rolle der Zufall dabei spielt. Schön fertigt Abdrücke ihrer Hände, lässt Farbe in Wasser träufeln oder setzt Tintenstriche nebeneinander. Sie entwickelt von jeder Arbeit zwei zunächst identisch erscheinende Exemplare, die bei genauerem Hinsehen jedoch zahlreiche Unterschiede offenbaren. In einem zweiten Arbeitsschritt wird die Künstlerin ihre Experimente unter dem Mikroskop fortsetzen und in Videos festhalten.

Die sehenswerten Positionen der Ausstellung sind ausdrücklich als Momentaufnahme innerhalb eines noch länger andauernden Schaffensprozesses zu verstehen: Alle Arbeiten werden noch weiterentwickelt und in Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern des Max-Plank-Instituts realisiert. Man darf gespannt sein, welche Ergebnisse die Kooperation des vermeintlich ungleichen Paares noch hervorbringen wird.

Die Ausstellung „Paralleles Zelllabor – Zellteilung – Lebensbäume. Berührungen von Kunst und Wissenschaft“ ist noch bis zum 3. Juni bei KIT SCHULTE Contemporary Art in Berlin-Schöneberg zu sehen. Am 22. Mai findet um 19 Uhr zudem ein gemeinsames Gespräch zwischen den Künstlerinnen und Dr. Lars Wittler vom Max-Planck-Institut für molekulare Genetik statt. Die Finissage kann am 2. Juni von 15 bis 18 Uhr besucht werden.

Katrin von Lehman, Duplex et semi, 3. Phase, 2012, Fotoflechtung, 61 x 60 cm

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