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Foto: Daisy Loewl (2012). Erschienen in KUNST Magazin KMB1204
Das Kunstinteresse des Herforder Unternehmers Heiner Wemhöner wurde durch seine Freundschaften mit Jan Hoet und Lutz Teutloff geweckt. Eine Vorliebe für die zeitgenössische asiatische Kunstszene entwickelte sich auf zahlreichen Geschäftsreisen
nach Hongkong, Shanghai und Peking.
Herr Wemhöner, Sie sagten, die Geburt Ihres Sohnes 1996 hätte etwas in Ihnen ausgelöst. Damals hatten Sie die Idee, in Herford etwas Neues zu schaffen.
Mein Sohn kam wenige Tage nach einer Veranstaltung zur Welt, auf der Herforder Unternehmer – darunter auch ich – über Förderungsmöglichkeiten für die Stadt sprachen. Wir wollten zunächst einen Bezug zu Herford als traditionelle Möbelstadt herstellen. Als es dann später ums MARTa ging, stand die Verbindung von zeitgenössischer Kunst, Architektur und Design im Vordergrund.
Wann fingen Sie selbst an, Kunst zu sammeln?
Ich bin durch Zufall zur Kunst gekommen. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich neben meinem Beruf noch etwas anderes machen müsste. Auf einer Italienreise habe ich mich zum ersten Mal näher mit italienischer Kunst befasst und einige Gemälde gekauft, etwa von Sandro Chia. Später traf ich glücklicherweise auf den Unternehmer Lutz Teutloff, der auch eine Galerie für zeitgenössische Kunst in Köln besaß. Das war ein Wendepunkt für mich.
Ihre Sammlung umfasst inzwischen etwa 400 Werke. Wie geht man damit um – auch im ganz praktischen Sinne?
Zunächst habe ich natürlich versucht, die Kunst in meinem häuslichen Umfeld unterzubringen, aber vor allem die Fotoarbeiten wurden immer größer und brauchen Platz. Viele Arbeiten hängen in meiner Firma, wo leider keine optimalen Bedingungen herrschen, einige auch in meinem Weinhandel. Inzwischen achte ich schon lange nicht mehr darauf, ob ich ein Kunstwerk aufhängen kann oder nicht, sondern, ob es mir gefällt oder nicht. Mir geht es auch´nicht darum, Räume zu haben, wo man einiges zeigen könnte. Ich strebe derzeit eine Art Archivierung an. Nach dem ersten Buch „FOCUS ASIA“ arbeiten wir schon an einem zweiten, dieses Mal über die fotografischen Werke meiner Sammlung.

Zuoxiao Zuzhou u. a .: To Add One Meter to an Anonymous Mountain, 4/21, 1995, Silbergelatine-Print, 120 x 160 cm © Zuoxiao Zuzhou. Erschienen in KUNST Magazin KMB1204
Gibt es in Ihrer Sammlung einen roten Faden?
Ich habe bei mir noch kein Konzept festgestellt. Früher habe ich italienische Malerei gesammelt. Mein momentaner Schwerpunkt hingegen liegt auf der Fotokunst, gerne in Schwarz-Weiß. Daneben habe ich eine große Affinität zu Skulpturen. Ich sehe mich
daher nicht so sehr als klassischen Sammler, sondern eher als Kunstliebhaber. In meiner Vorstellung ist ein Sammler jemand, der ein bestimmtes Ziel verfolgt. Ich entscheide meist nach dem Bauchgefühl.
Auf Ihren Geschäftsreisen haben Sie die chinesische Kunst für sich entdeckt. Was fasziniert Sie an China?
Diese absolute Dynamik, die dort herrscht. Es ist eine unglaublich rasante Entwicklung zu beobachten. Ich hatte das Glück, 1981 das erste Mal nach Singapur reisen zu können. Damals hat mich diese ferne Welt unglaublich fasziniert. Es war so völlig anders als das,
was ich kannte. Die Kunst war mir – ebenso wie das Land – zunächst sehr fremd. Inzwischen habe ich mich mit der Kultur auseinandergesetzt und fühle mich dort sehr wohl.

Isaac Julien: Glass House, Prism (Ten Thousand Waves), 2010, Fujitrans in LED-Lichtbox, je 120 x 160 x 2 cm, 2-teilig © Isaac Julien, Courtesy: Shanghart Gallery, Victoria Miro. Erschienen in KUNST Magazin KMB1204
Gibt es in der chinesischen Kunst eine Art Code, den man kennen muss, um sie wirklich zu begreifen?
Ich glaube, Künstler wollen uns Geschichten erzählen. Sie zeigen, wie sie die Welt mit ihren Augen sehen. Chinesische Künstler sind da nicht wirklich anders als westliche, auch wenn sie einen anderen kulturellen Hintergrund haben. Die chinesische Kultur ist über 5000 Jahre alt, und ich glaube, wir haben vergessen, dem genügend Respekt zu zollen. Mit einigen chinesischen Künstlern habe ich wirklich tolle Gespräche geführt, und ich freue mich immer wieder, wenn ich diese Beziehungen weiter vertiefen kann.
Inwieweit kann ein Künstler in China frei kommunizieren? Kunst ist ja häufig ein Ausdrucksmittel von Protest. Man wird nicht zu allgemein, sondern skizziert über das Biografische die erweiterten Umstände. Wie erleben Sie das?
Ganz anders, als es hier in den Medien oft rüberkommt. Bei einer Ausstellung in Shanghai sollte z. B. ein Gemälde mit einer Szene aus dem Jahr 1989 gezeigt werden: Menschen, die sich den Panzern auf dem Platz des Himmlischen Friedens entgegengestellt haben. Der Galerist hatte zunächst große Bedenken – aber es gab keine Probleme, niemand hat ein Wort darüber verloren. Zudem war ich vor Kurzem in Peking bei Chi Peng, einem Fotokünstler, den ich sehr schätze. Er ist homosexuell und hat unter anderem die Serie „I fuck myself“ gemacht. Seine Arbeiten waren auf den Covern mehrerer Bücher über junge chinesische Kunst zu sehen. Ich erlebe, dass in China viel mehr möglich ist, als hier oft erzählt wird. Die Chinesen interessieren sich zunehmend für Gegenwartskunst, die sich ja deutlich von der traditionellen Kunst unterscheidet, und kaufen sie auch.

RongRong & inri, In the Great Wall 2, 3/8, 2000, handkolorierter Silbergelatine-Print, 100 x 100 cm © RongRong & inri, Courtesy: Alexander Ochs Galleries Berlin / Beijing. Erschienen in KUNST Magazin KMB1204
Gibt es in der chinesischen Kunst Elemente, die Sie in der europäischen Kunst vermissen?
Mich fasziniert, dass die Chinesen versuchen, ihre eigene Vergangenheit mit der Zukunft in Zusammenhang zu bringen. Beispielsweise die Serie „In the Great Wall“ von RongRong & inri: Sie haben Fotos auf der großen Mauer gemacht, beziehen die Natur mit ein und damit auch die Geschichte des Landes. Sie führen die Große Mauer sozusagen ins alltägliche Leben zurück. Das machen nicht nur chinesische Künstler, aber ich empfinde es dort sehr stark. Man will die eigene Geschichte nicht vergessen.
Ein Schwerpunkt Ihrer Sammlung liegt auf experimenteller Landschaftsfotografie – ein Beispiel dafür wären Michael Najjars Börsen-Leitindizes, bei denen er anhand von Landschaftsaufnahmen die Entwicklung der Aktienindizes nachgezeichnet hat.
Michael hat genau das aufgezeigt, was mich und viele Unternehmen in der ganzen Welt hart getroffen hat: Mit einem Mal hörte alles auf, wir waren im freien Fall nach unten. Diese Entwicklung mit dem Aconcagua, dem höchsten Berg Südamerikas, zu kombinieren, hat mich persönlich sehr berührt.
Heutzutage wird der Privatsammler ja immer wichtiger – vielleicht sogar übermächtig?
Es wäre tragisch, wenn irgendjemand irgendwann übermächtig wäre. Ich denke, es müssen ausgewogene Verhältnisse herrschen. Der Sammler kann eine zusätzliche Stütze sein – aber er sollte die öffentliche Hand auch nicht von ihren Aufgaben befreien.
Interview: Fares Al-Hassan
Text: Julika Nehb, Kristina Schulze







