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Foto: Daisy Loewl (2012). Erschienen in KUNST Magazin KMB1203
Der Rechtsanwalt Jan-Philipp Sexauer hat mit „Night of the Pawn“ Schachduelle zwischen Künstlern und Sammlern im Berliner Nachtleben etabliert. Er besitzt fast ausschließlich Werke befreundeter Künstler.
Deine Sammlung ist sehr persönlich bestimmt und basiert auf Freundschaften. Wie hat das bei dir angefangen?
Die erste Arbeit war ein Geschenk des Horst-Antes-Schülers Wolfgang Glöckler, den ich kurz nach meinem Abitur in Karlsruhe von einer Party im Auto mitgenommen habe. Während meines Studiums in München nahm ich dann an einem Rundgang der Akademie der Bildenden Künste teil, dort fiel mir das Bild eines Engels auf. Es war halb abstrakt, und das Gesicht hat mich angestrahlt. Das war eine tolle Anmutung, ich habe mich sofort verliebt. Mittlerweile finde ich es ein bisschen kitschig, aber es war das erste Bild, das ich erworben habe.
Wie verändert sich das Verhältnis zu einem Bild?
Mich interessiert weniger meine Beziehung zu den Bildern als vielmehr die Beziehungen und Korrespondenzen der Bilder untereinander. Die Bilder fangen an, sich zu unterhalten, manchmal höre ich zu und manchmal nicht.

Die Aufnahme im Atelier von Jonas Burgert zeigt im Hintergrund ein Mitte der 1990er-Jahre entstandenes Porträt des Sammlers. Foto: Jan-Philipp Sexauer (2011). Erschienen in KUNST Magazin KMB1203
Du bist seit 1993 in Berlin. Eine der ersten Arbeiten deiner Sammlung stammt von Jonas Burgert?
Jonas habe ich über eine Freundin kennengelernt. Damals hatten wir noch ganz andere Sorgen als heute. Eines Abends saßen wir in meinem alten versifften Suzuki, und ich habe ihm eines seiner ersten Bilder abgekauft. Er meint bis heute, ich hätte ihm damals den Arsch gerettet, und ich bin immer noch sehr glücklich mit dem Bild. Zum Begriff des Sammlers: Es gibt die Definition, wenn alles vollgehängt ist und man weiter kauft, obwohl man nichts mehr hängen kann, dann ist man ein Sammler. Aber das überzeugt mich nicht. Sammeln ist eigentlich der falsche Begriff. Sammeln kann man ja nur etwas, was herumliegt wie Kieselsteine an einem Fluss.
Man kann Kunst daher eigentlich nicht sammeln, sondern nur suchen. Wahrscheinlich ist ein Sammler ein Suchender. Aber ich bin eben kein Suchender von Kunstwerken. Wenn ich ein Bild bei einem Künstler im Atelier sehe und es gefällt mir, dann habe ich auch einen Bezug dazu, und dann interessiert mich das. Ich finde es eben, aber ich suche es nicht. Wirkliches Sammeln ist viel Arbeit und bedeutet auch Stress. Ich habe die Theorie, dass es beim Sammeln wie bei so vielem um die Verdrängung des Todes geht.
Der Sammler, der Gegenstände anhäuft, erhebt sich über den Tod oder versucht, vor ihm zu flüchten. Wie meinst du das?
Der Künstler hofft vielleicht auf Nachruhm, das ist etwas Ähnliches. Der Sammler – man selbst – vergeht. Wenn ich ein Bild kaufe, dann habe ich etwas, das bleibt. Das gehört mir, und zwar für immer. Das ist natürlich eine Illusion. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Ein abgedroschener Spruch, aber wahr. Man vergisst das immer wieder. Ich bewundere Menschen, die fast nichts brauchen, um glücklich zu sein.
Ist eine Arbeit, die du erwirbst, für dich ein Spekulationsobjekt? Bei dir scheint es ganz klar um Leidenschaft und Freundschaft zu gehen.
Man weiß ja vorher nicht, was passiert. Aber ich habe noch nie eine Arbeit verkauft. Ich war zum Beispiel letztes Jahr in London bei einer großen Eröffnung von Jonas Burgert in einer bekannten Galerie, bei einem Dinner mit großen Sammlern. Im Gespräch stellte sich dann heraus, dass meine Tischnachbarin keinen Jonas Burgert besitzt und darunter leidet. Als sie fragte, ob ich einen hätte, meinte ich: „Sechs.“ Da ist sie fast vom Stuhl gefallen. Ich hab sie dann getröstet, dass es „nur“ Frühwerke seien.

Uros Djurovic: The Unknown Chessmasters II, 2010 (Sammlung Sexauer), Holzschnitt und Tusche auf Papier und Leinwand, 90 x 90 / 90 x 120 / 90 x 90 cm, in der Ausstellung NIGHT OF THE PAWN, Werkschauhalle Leipzig, 2010, Foto: Jan-Philipp Sexauer. Erschienen in KUNST Magazin KMB1203
Viele befreundete Künstler haben dir schon Arbeiten gewidmet.
Als Clemens Kraus mich porträtieren wollte, habe ich mir das natürlich ganz romantisch vorgestellt, mit Staffelei etc. Er hat mich dann erst mal fotografiert und meine Brille und meine Nase auf den Millimeter genau vermessen. An Ostern bekam ich dann einen Karton, in dem war ein noch kleinerer Karton, und darin: Ein ausgeblasenes Hühnerei mit dieser Brille, nur auf diesem Hühnerei, genau in dieser Größe mit einer handgenähten, ganz winzigen Mütze. Es steht jetzt auf meinem Klavier und schaut mich immer an.
Musik, Literatur, Kunst – du sagst, es sei eigentlich alles eins für dich, du hast aber auch eine interessante Differenzierung gemacht.
Mich interessiert das Verhältnis zwischen Schöpfungsprozess und Rezeption. Mancher Maler träumt vielleicht davon, dass in dem Moment, in dem er den letzten Pinselstrich setzt, Tausende Menschen in Applaus ausbrechen. Aber das gibt es nur im Konzert, Musik ist viel unmittelbarer. Bilder bleiben über Jahrhunderte und schaffen eine andere Art von Begegnung.
„Night of the Pawn“ ist deine Erfindung. Was hat Kunst mit Schach zu tun?
Kunst hat viel mit Schach zu tun. Schach zu spielen bedeutet, ästhetisch zu denken. Wenn du einen Bauern vorsetzt, dann wird eine Linie frei. Es hat sehr viel mit Raum und mit Wahrnehmung zu tun. Ich hatte den Traum, das Spiel von seinem Schachclub-Image zu befreien und ins Nachtleben und in Clubs zu verlagern. Und das funktioniert auch. Meine Theorie, dass Künstler gute Schachspieler sein müssten, hat sich auch bestätigt: Vor einem halben Jahr habe ich Gregor Hildebrandt noch mit links geschlagen, aber mittlerweile habe ich fast keine Chance mehr. Als nächstes wird die NOTP-Mädchenschachschule für Künstlerinnen im Gebäude der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule aufmachen.

Die Ruhe vor dem Schachmassaker, wie immer im Kontext der Kunst: Wandzeichnungen von Dan Perjovschi in der Werkschauhalle in Leipzig. Foto: Jan-Philipp Sexauer (2010). Erschienen in KUNST Magazin KMB1203
Du kuratierst auch Ausstellungen. Die nächste ist „NO.TOWN – beyond the wall“ in Detroit?
Sowohl Berlin als auch Detroit mussten erleben, wie es ist, alles zu verlieren. Durch den Verlust sind aber auch Freiräume entstanden. Beide Städte hatten eine Mauer; in Detroit war das die Eight Mile Road, die die Stadt zwischen schwarzer und weißer Bevölkerung trennte. Beide Mauern sind inzwischen gefallen, die Grenzen sind durchlässiger geworden. In einem der freigewordenen Räume in Berlin ist einer der berühmtesten Technoclubs entstanden, der Tresor, und DJs aus Detroit sind dort berühmt geworden. Bei so vielen Verbindungen und Gemeinsamkeiten ist es sehr interessant, Berliner Künstler in Detroit auszustellen.
Die Ausstellung „NO.TOWN – beyond the wall“ ist vom 30.3. bis zum 22.6. in der Elaine Jacobs Gallery der Wayne State University in Detroit zu sehen.
Das Sammlergespräch fand am 2.2. in der Bar Tausend statt. Unser Moderator, der Soziologe Jan Kage, spricht jeden Donnerstag um 19h in seiner Sendung „Radio Arty“ mit Künstlern und Kuratoren auf 100,6 Flux FM.
Interview: Jan Kage
Text: Edyta Golab, Julika Nehb







