“Platzhalter für Begegnungen”: Andreas Stucken im Sammlergespräch

Braco Dimitriejevic: Installation „For Schumann, potatoes and musich historian“ im Museum für (Sub-)Kultur, 1982. Die Installation des kroatischen Künstlers wurde für die Berliner Ausstellung 2012 rekonstruiert - mit neuen Kartoffeln.

Bereits seit 37 Jahren setzt sich Andreas Stucken, Art Consultant und Inhaber der Galerie “Zweigstelle Berlin”, für Kunst ein und mit ihr auseinander. Im Sammlergespräch, das während der Finissage der Ausstellung “Bremerhaven-Berlin-Aichach, 35 Kunstwerke von 3 Orten und aus 37 Jahren” stattfand, spricht er über seine Anfänge und die wechselhafte Beziehung zur Kunst.

Jan Kage: Ihre intensive Auseinandersetzung mit Kunst begann 1975 in Bremerhaven?

Andreas Stucken: Als Schüler kam ich in das Kabinett für aktuelle Kunst Bremerhaven, ein Non-Profit-Raum, die damals Gerhard Richter, Blinky Palermo oder Ulrich Rückriem ausstellten. Ich habe z.B. geholfen, Plakate und Editionen zu drucken. Es war ein Abenteuer, eine völlig neue Welt, die Kunst. Mein erstes eigenes Kunstwerk ist ein Siebdruck von Franz Erhard Walter, der eine Ausstellung im Kabinett hatte. Mein allererste Begegnung mit Kunst war jedoch eine Hanne Darboven -Ausstellung, die ich damals gar nicht verstanden habe.

Jan Kage: Macht das für Sie mit einen Reiz aus, sich mit Kunst auseinanderzusetzen, die man erstmal nicht versteht, im Vergleich zu der Kunst, die vordergründig schön und ansprechend ist?

Stucken: Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine Routine, man erkennt dann, was gut ist und was nicht, und natürlich umgibt man sich dann lieber mit dem, was gut ist. Über die Jahre sind durch meine Ausstellertätigkeit viele Freundschaften mit Künstlern entstanden und bis heute geblieben.

Kage: Die persönlichen Beziehungen zu den Künstlern: Das ist der rote Faden, der sich durch die Ausstellung zieht. Sie haben die Werke Ihrer Sammlung so schön als “Platzhalter für Begegnungen” bezeichnet. 1980 sind Sie nach Berlin gezogen, ins damalige West-Berlin in Neukölln, und haben dort das “Museum für (Sub-)Kultur” gegründet.

Stucken: Nach Berlin ging ich, um Kunstgeschichte zu studieren. Ich war über die Kunstlandschaft erstaunt, es gab kaum Vergleichbares zu dem, was ich aus Bremerhaven kannte. René Block war schon wieder weg, es gab noch das Haus am Waldsee, aber nichts qualitativ Vergleichbares zu den Bremerhavener Ausstellungen. Also habe ich mit Freunden beschlossen, selbst Ausstellungen zu machen. Dazu räumten wir zwei Wohnungen aus. Wir waren dabei sehr idealistisch, wollten kein Geld damit verdienen, sondern das den Künstlern zuliebe machen. Nach drei Jahren war das Programm zwar wieder beendet, aber währenddessen konnten wir unter andem Jenny Holzer oder Sean Scully ausstellen.

Sean Scully: Ausstellung „Holly“, 2004. Installationsansicht im Kunstverein Aichach

 

Kage: Im “Museum für (Sub-) Kultur” wurde von Anfang an nur Konzeptkunst gezeigt. Es gab Anfang der 1980er Jahre die andere Szene in Kreuzberg, unweit von Neukölln: Die “Moritzboys”, Martin Kippenberger, Esso 36…

Stucken: Wir waren mit Martin Kippenberger in Kontakt, der dann auch bei uns ausgestellt hat, aber das war eigentlich die einzige Berührung zu den Malern damals. Und die Moritzboys … es hat sich ja herausgestellt, dass das kommerziell recht erfolgreich wurde. Aber schon die erste Ausstellung, die ich gesehen habe, hat mir nicht gefallen.

Kage: Um das Kommerzielle ging es Ihnen damals ja auch nicht. 1983 haben Sie dann das Projekt beendet. Warum?

 Stucken: Weil die Zeit für Konzeptkunst zu diesem Zeitpunkt nach meinem Empfinden vorbei war. Es ging um Malerei. Ich habe mich dann der Unternehmensberatung gewidmet, und noch Betriebswirtschaft studiert. Erst Anfang der 1990er habe ich wieder angefangen, Kunst zu sammeln und mich inteniver mit Kunst zu beschäftigen. Ich sah, wie aus den Leuten, die ich früher ausstellte, etwas geworden war. Damals lebte ich in Aichach, einer Kreisstadt nahe München. Dort habe ich aus dem Kunstkreis Aichach, der bis dahin ein rein regionales Programm zeigte, den Kunstverein Aichach gemacht und von 2001 bis 2012 im Kreuzgratgewölbe des Kreisgutes Aichach viele Ausstellungen gemacht, viele davon raumbezogen. Ich habe überregional Künstler eingeladen. Vor allem bei Sean Scully war das Interesse riesig, bei der Eröffnung waren 300-400 Leute da. Im Anschluss hat das öffentliche Interesse ein wenig nachgelassen. Als Ausstellungsmacher muss man ja immer noch ein Stück drauflegen. Die Auswahl an Künstlern, gerade für diesen Raum, die wurde immer schwieriger.

Kage: Eine Parallele zwischen Ihrer Aichacher Zeit und der Neuköllner Zeit ist sicherlich der Idealismus.

Stucken: Mir war wichtig, über die Jahre konstant gute Ausstellungen zu machen. Das wird von den Künstlern wert geschätzt. Ich finde es schön, meine Sammlung aus den vergangenen Jahren hier in Berlin auszustellen. Natürlich ist es immer traurig, Austellungen wieder abzubauen. Aber die nächste wartet immer schon. Mir war beim Sammlen immer wichtig, mich an die Arbeit mit den Künstlern zu erinnern oder an die Person des Künstlers. Bei meiner Sammlung geht es nicht Prestigegründe oder Wertsteigerungsgründe; es ist einfach eine persönliche Sammlung,  zu jeder Arbeit hab ich eine Bezug.
Kage: Warum sind Sie wieder nach Berlin zurück gekommen? Was ist das Programm der Zweigstelle?

Stucken: Warum Berlin? Es gibt keinen anderen Ort als Berlin, hier ist das Zentrum der Kunst. In der Galerie haben wir einen Stamm von elf Künstlern, die wir ausstellen, präsentieren, die wir auch durch Messearbeit fördern. Zum Beispiel Gregor Cürten, Michel Carmantrand, Maler, Fotografen, installative Künstler – eine gute Mischung aus allen Bereichen.  Wir richten uns auch international aus. Wir machen die nächste Ausstellung mit der Amsterdamer Galerie Bart, die mit fünf Künstlern hier sein wird. Im Anschluss zeigen wir zwei Maler aus Los Angeles und dann 33 Künstler aus Kanada.

Kage: Herr Stucken, vielen Dank für das Gespräch!

 

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Eine Antwort auf “Platzhalter für Begegnungen”: Andreas Stucken im Sammlergespräch

  1. Hans-Rainer Mehlem sagt:

    Ich bin auf Ihre Web-Seite gestossen, weil ich nach einem Maler “A. Stucken ” gesucht habe.
    Ich habe zu Hause ein Landschaftsaquarell (Bach mit großem Baum im Wind) hängen, dass von einem “A.Stucken 1948″ in roter Farbe signiert ist. Hat dieses Aquarell mit Ihnen zu tun und wenn ja, würde ich gerne mehr darüber erfahren.
    Für eine Rückantwort würde ich mich freuen.
    Danke und viele Grüße
    Hans-Rainer Mehlem

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