Katerina Valdivia Bruch
Der 1959 in der japanischen Provinz geborene und in Tokyo lebende Künstler Yoshitomo Nara ist in Japan und in den USA ein Superstar. Naras Motive zieren Merchandiseprodukte, wie Armbanduhren, Platten- und Buchcovers, Buttons usw., die weltweit in fast jedem Museums- oder Comicshop zu erwerben sind. So wie Nara zwischen den Kulturen Asiens und Europas pendelt, schwebt auch seine Kunst irgendwo im Niemandsland zwischen High and Low, Pop und Fine Art, zwischen der Verantwortung und Rationalität der Erwachsenenwelt und einer dagegen revoltierenden Kinderwelt.
Mit Bildern nur scheinbar unschuldiger kleiner Mädchen wurde Nara berühmt: Kindchen mit einer Idee die uns fremd ist, einem Auftrag den wir nicht kennen und einer nicht immer unterschwelligen Agressivität oder offensichtlicher Melancholie. Die expressiven Grimassen der einzelnen Charaktere scheinen mit uns zu sprechen, uns mit den ihren Emotionen zu konfrontieren.
Der hervorragende Zeichner will seine Bilder nicht von den strengen Regeln seiner klassischen künstlerischen Ausbildung und technischer Raffinesse dominieren lassen. Seine Arbeit ist beeinflusst von seiner Kindheit auf dem Lande, dem Fernsehen, japanischen und amerikanischen Comics, europäischen Kinderbüchern und Walt Disney. Er lässt sich eher von aktueller Musik, Büchern und dem Kino als der zeitgenössischen Kunst beeinflussen. Der ehemalige UCLA Gastprofessor malt lieber so, wie auch Kinder malen würden.
Nara stand dem KUNST Magazin Berlin für ein Interview zu seinem aktuellen Projekt in der Hauptstadt zur Verfügung:
Sie haben in Düsseldorf studiert. Wie hat ihr Aufenthalt in Deutschland ihre Arbeit beeinflusst?
Eigentlich gar nicht. Aber eigentlich schon: wenn man als Japaner in Deutschland lebt, kann man sehr einsam sein. Und für meine Bilder ist Einsamkeit sehr wichtig.Ich muss alleine sein, damit ich arbeiten kann, auch in Japan. Ich male dann meistens von Nachts bis Vormittags, dann schlafe ich wieder.
Ich war 12 Jahre in Deutschland und bin 2000 wieder nach Japan gezogen. Das war sehr wichtig. Es ist das erste Mal, dass ich in Berlin meine Arbeit zeige. Aber ich zeige sie nicht alleine, ich zeige sie zusammen mit graf. Das sind fünf Freunde aus Japan, die Hütten bauen für meine Bilder und Zeichnungen anfertigen! Ein Freund hat mir 2003 Toyoshima Hideki vorgestellt. graf hat eine Werbeagentur, ein Restaurant, eine Galerie und ein Möbeldesignstudio in Osaka. Wir haben uns gleich gut verstanden und dann hat graf mich eingeladen bei ihnen in der Galerie auszustellen. Danach haben wir das erste Projekt zusammen gemacht. Seit drei Jahren arbeiten wir immer wieder zusammen und haben schon in New York, London, Seoul, Bankok und an vielen Orten in Japan zusammen Projekte gemacht.
Herr Nara, Sie sind durch Bilder von Mädchen die einen naiv, agressivem Ausdruck haben, sehr bekannt geworden. Sind Sie der Meinung, das Kunst auch eine alltägliche Konsumware sein kann?
Ich mache meine Bilder nicht nur für die Kunstszene und die Kunstwelt. Meine Bilder sind für mich und alle die so fühlen wie ich. Darum ist es auch gut, dass jeder kleine Objekte kaufen kann, egal ob T-Shirt, oder ein Buch, oder eine kleine Figur. Es ist wichtig, dass viele Leute meine Arbeit sehen können, nicht nur die Leute aus der Kunstwelt. In Japan ist meine Arbeit auch unter ganz jungen Leuten sehr populär, meine Bilder haben viel mit dem Lebensgefühl der jungen Generation in Japan zu tun. Es geht viel um Selbstbestimmtheit und um Eigenständigkeit. Meine Figuren sehen nur aggressiv aus, aber sie sind es nicht. Sie setzten sich nur zur Wehr gegen diejenigen, die über sie bestimmen wollen! Vielleicht muss Kunst keine Konsumware sein, aber es ist viel besser, wenn Kunst Teil des Alltags ist.
Glauben Sie, dass sie durch diesen Erfolg ein Publikum außerhalb der Kunstsammler und Kunstinteressierten erreicht haben?
Ich glaube schon. Ich glaube, für die anderen Leute ist meine Kunst aus anderen Gründen wichtig. Nicht nur als Kunst für Kunstsammler. Aber es ist natürlich auch toll, wenn Leute meine Bilder sammeln.
Kunst als Spiel und Unterhaltung sind Begriffe, die mir auffallen, wenn ich ihre Arbeit sehe. Im Hintergrund Ihrer Arbeit sehe ich eine kritische Auseinandersetzung. Es gibt Mädchen, die kleine Messer haben, als ob Sie gefährlich sein könnten und es doch nicht sind.
Was möchten Sie damit sagen?
Meine Figuren sind auch ein bisschen Selbstportraits. Ich male manchmal ein Bild in einer Nacht, das spiegelt dann, wie ich mich in dieser Nacht fühle. Meine Figuren beschützen sich gegen die Welt, die Sie beeinflussen will, sie reagieren auf das, was von außen auf sie zu kommt. Es geht eigentlich darum, selbst zu denken, selbst zu bestimmen, selbst zu handeln.
Könnten Sie mir kurz Ihren Kunstbegriff erklären?
Ich glaube nicht, dass ich einen Kunstbegriff habe.
Herr Nara, vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen einen guten Aufenthalt in Berlin!