KM 0702 – Am Anfang…

…einer Entwicklung steht oft eine gewisse Unzufriedenheit. Diese setzt die nötige Energie für Veränderungen frei und genau dann wird es interessant.

Darum sprechen die Bilder von Yoshitomo Nara so viele Menschen an. Deswegen interessieren uns Mercedes
Helnweins Bilder. Daher kommen aus den osteuropäischen Ländern so viele gute Fotografen. Deshalb ist es so spannend, was derzeit im Postbahnhof passiert. Und so hoffen wir, dass Frau Pfeffer, als Kuratorin in den etablierten KW, ihrem Nachnamen gerecht wird. Was ist für die Kunstwerke das Ende der Entwicklung – Endstation Museum?

Auch das KUNST Magazin Berlin entwickelt sich weiter: Format, Schrift und Bilder sind größer geworden, der Einband fester und glänzend. Wir wünschen Ihnen noch mehr Lesespaß und freuen uns auf Ihr Feedback.

Ihr KUNST Magazin Berlin Team

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Das Kunstwerk am Ende seiner Entwicklung – im Museum


Franz West: 40 Stühle (afrikanisch) 1998
 

Franz West: 40 Stühle (afrikanisch) 1998

Installationsansicht 2004 im Hamburger Bahnhof. Foto Jan Sobottka, www.catonbed.de
Abbildung erschienen in Kunstmagazin Ausgabe Februar 2007

Petra Pilzecker

Das Museum ist verwandt mit dem Mausoleum. Nicht nur klanglich, sondern auch atmosphärisch und inhaltlich.
Jeder kennt diese museale Atmosphäre, mal steril, mal staubig und immer etwas sakral. Da ist einfach kein Leben mehr drin. Der französische Künstler Christian Boltanski hat einmal gesagt, für ihn sind Museen Friedhöfe für Kunst. 

Museen präsentieren uns immer Geschichte, logisch und meistens mit der Idee einer linearen Entwicklung und des Fortschritts aufbereitet: ägyptische, ostasiatische, Natur- oder Kunstgeschichte, alle funktionieren mit dem gleichen paradoxen Prinzip. Damit ein Ding Geschichte werden kann, muss es erst einmal enthistorisiert werden. Es wird aus seinem kulturellen, historischen und räumlichen Kontext genommen. Der Prozess der Musealisierung ist also immer ein extremer Eingriff für dieses Ding; es wird sich nicht mehr weiter entwickeln, denn der Auftrag des Museums ist Konservieren. Keine Entwicklung heißt kein Leben. Der Tod ist gewissermaßen der Preis für die Unsterblichkeit, nach der so viele Künstler sich sehnen. Weiterlesen

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Einen Schritt vorangekommen Susanne Pfeffer übernimmt die künstlerische Leitung in den KUNST-WERKEN


Portrait Susanne Pfeffer, Kuratorin der KW Institute for Contemporary Art, Berlin. Foto: Annika Kahrs
Abbildung erschienen in Kunstmagazin Ausgabe Februar 2007

Susana Saez
Sie fällt auf – wie sie mit ihrem kranzförmigen Haarzopf und rot geschminkten Lippen zwischen dem Initiator der KW, Klaus Biesenbach, und deren Pressesprecher, Markus Müller, im Pressekonferenzraum der Kunst-Werke sitzt und freundlich auf ihren ersten großen Auftritt in der Hauptstadt wartet. Um die 40 Menschen drängen sich an jenem 20. November im kleinen Raum im Seitenflügel des mittlerweile für die Berliner Kunstszene legendären Hauses, um der Jahrespressekonferenz 2006 beizuwohnen. Neben der Ankündigung der Ausstellungsprojekte für 2007, der Begrüßung von Dr. Antje Vollmer als neues Vorstandsmitglied und Diana Widmaier-Picasso als neues Mitglied im Kuratorium der KW steht die Vorstellung der neu berufenen Kuratorin Susanne Pfeffer auf dem Programm. Und hauptsächlich wegen Frau Pfeffer haben sich an diesem Donnerstag die rund 40 Personen dort ein-gefunden, von wo nach dem Fall der Mauer die zeitgenössische Kunst in Berlin ihre Erfolgsgeschichte startete.

Susanne Pfeffer ist möglicherweise der in den letzten drei Monaten meist erwähnte Name im Berliner und deutschlandweiten Kunstjournalismus. Überraschend ist das nicht. Das Monopol-Magazin listete sie in seine im Sommer erschienenen Top 100 – Liste der Kunstwelt 2006 in der Kategorie: „Die Aufstiegs-kandidaten. Für wen nach oben noch alles offen ist.“ Wer Pfeffers kuratorische Praxis in den letzten zwei Jahren als Leiterin des Künstlerhauses Bremen verfolgt hat, den verwundert das wenig. Pfeffer gehört zu den Menschen, die ihre Vita souverän in die Hand nehmen und dem Zufall keinen Spielraum lassen. Trotzdem oder gerade deswegen ist es in erster Linie das kuratorische Können, das Pfeffer diese steile Karriere ermöglicht hat.

Geboren wurde sie 1973 in Hagen. Das Studium der Kunstgeschichte absolvierte sie bei Prof. Bredekamp an der Humboldt-Universität und schloss es mit einer Magisterarbeit über die Artis liberalis im 14. Jahrhundert ab. Bis heute ist das Wissen um die mittelalterliche Kunst Pfeffers Basis für ihr zeitgenössisches Kunstverständnis. Es folgten Assistenzstellen im Kölnischen Kunstverein und im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main als rechte Hand von Udo Kittelmann, bevor Pfeffer 2004 die Leitung des Künstlerhaus Bremen antrat. Hier konnte sie erstmalig eigenständig ein 150 Quadratmeter großes Haus mit Projekten bespielen und ihre Herangehensweise mit Ausstellungen von Künstlern wie Jonathan Monk, Matthias Weischer und Hans Richter präsentieren.

Susanne Pfeffers kuratorischer Ansatz geht von den Kunstwerken und weniger von theoretischen Diskursen aus. Dies führt zu dem für das Publikum erfreulichen Ergebnis, das die künstlerischen Formulierungen in den Vordergrund der Ausstellung rücken und nicht die vorgefasste Idee des Kurators. Es gibt nicht viele Ausstellungsmacher, die es wagen, aus den Sprachformeln der Kunst heraus zu denken. Zu den großen dieser Natur zählte Harald Szeemann, und aktuell könnte man Hans-Ulrich Obrist nennen.

Von ihren Plänen für erste Ausstellungen in den KW, die im Mai starten, verrät Pfeffer so gut wie nichts. Inwiefern wird sich das Profil der KW durch die neue Besetzung ändern? Welche formalen und inhaltlichen Schwerpunkte möchte sie setzen? Frau Pfeffer antwortet nicht, Frau Pfeffer arbeitet. Klar ist, dass sie ihre Arbeitsweise konsequent fortsetzen wird. Der unmittelbare Blick auf die Werke, der enge Kontakt zu den Künstlern bleiben Programm gebend; ebenso wie Pfeffers Lebenseinstellung: „Es muss immer einen Schritt weitergehen.“

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Nach der Post kommt die Kunst


Postfuhramt Berlin

Postfuhramt Berlin

Foto: Stephan Erfurt
Abbildung erschienen in Kunstmagazin Ausgabe Februar 2007

Tomke Schäfer
In Berlin sucht sich die Kunst oft ihre eigenen Orte: geschichtsträchtige Bauten ohne klares Nutzungskonzept. So geschah es auch dem unter Denkmalschutz stehenden Postfuhramt in Berlin. 1875-81 nach einem Entwurf von Carl Schwatlo erbaut, beherbergte das Eckgebäude mit seiner imposanten achteckigen Kuppel ursprünglich u.a. das Postamt, eine Rohrpostmaschinenstelle, das Fernsprechamt und Pferdeställe. Erst 1995 wurde der Postbetrieb eingestellt und die Kunst witterte Leerstand. Die Berlin Biennale gehörte 1997-01 zu den Ersten, die die vielfältigen Ausstellungsflächen nutzte und C/O Berlin
gründeten sich 2000 mit der großen MAGNUM-Ausstellung im PFA.

Mit der Verhüllung der Fassade mit Liebesbriefen durch HA Schulte (´01) wurde das PFA als ‚Love Letters Building‘ zum Publikumsliebling. Ausstellungen wie das Festival junger experimenteller Berliner Kunst (´99) und DAVAJ! Russian Art Now (´02) erregten Aufmerksamkeit.

Im Juli ?05 verkaufte die Deutsche Post AG das PFA f?r ca. 15 Mio Euro an u.a. die Shrem Fudim Kelner & Co. Ltd. und Adi Keizman. Nun ist das Zwischennutzungskonzept zumindest f?r die n?chsten 2 Jahre gesichert: C/O Berlin wird uns als Hauptnutzer ab dem 24.02.07 mit einer Weegee-Ausstellung begl?cken. Einer der Mitbegr?nder von C/O Berlin, Ingo Pott von Pott Architects, bem?ht sich in Zusammenarbeit mit Gottesman – Szmelcman Architecture SARL um die ?Revitalisierung? des PFA. Es soll ein ?lebendiges Zentrum der kreativen Industrie werden.? Auch CREATE BERLIN sind seit Januar im PFA. Mit ihrem Showroom f?r Design wollen sie ein Forum f?r die junge kreative Berliner Designszene schaffen. In diesem Zuge wird auch der Design Mai dieses Jahr im PFA stattfinden. Sp?testens seit sich der ?Rodeo Club? im Kuppelsaal angesiedelt hat, gibt es hier auch etwas f?r Nachteulen. Wir d?rfen uns also weiterhin auf Spannendes im PFA freuen und hoffen, dass noch mehr Zwischennutzer hinzukommen.

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Photeur: Neue Räume zur Fotokunst aus Osteuropa – Klein aber Fein!


Horst Kloever in seinen Galerieräumen.

Horst Kloever in seinen Galerieräumen.

Foto: Jan Sobottka, www.catonbed.de
Abbildung erschienen in Kunstmagazin Ausgabe Februar 2007

Berenika Partum
Die zeitgenössische Kunstszene in Rumänien,
Bulgarien oder Tschechien ist über die Landesgrenzen hinaus immer noch zu wenig bekannt. Noch weniger weiß man über die Fotografieszene dieser Länder, die im Moment eine ebenso interessante Entwicklung durchmacht. Das Institute of creative Photography (ICP) in Opava (Tschechien) ist zum Beispiel eine Schule mit international gutem Ruf, und das Fotofestival in Bukarest (Rumänien) „artphoto image“, das zum ersten Mal im Jahre 2005 stattfand, war der Auslöser für den in Berlin lebenden Horst Kloever, eine Initiative mit Schwerpunkt auf diese Länder, zu gründen.

Photeur ist eine Galerie und zugleich eine Internetplattform für Fotografie aus Ost-mittel- und Osteuropa. Anders als die ein halbes Jahr zuvor eröffnete Gallery ZAK,
die ein breiteres Spektrum an Medien – nämlich auch Videokunst aus Ostmitteleuropa – im Programm hat, bildet hier ausschließlich Fotografie das Thema.

Dem Gründer und Redakteur der Webseite liegt es daran, „seinen Nachbarn besser zu verstehen“. Erfahrung mit fremden Nachbarn brachte er mit – in den 90ern war er drei Jahre Co-Kurator im Haus der Kulturen der Welt. Seine litauischen Wurzeln gaben wohl endgültig den Anstoß für den Schwerpunkt seiner neu aufgemachten Galerie. Bereits im September letzten Jahres startete er mit der ersten Ausstellung von Cosmit Mumbut und Mirela Bratu aus Rumänien. In den Räumen von SOLAR an der Stresemannstrasse zeigte er uns somit einen kleinen Ausschnitt der rumänischen Fotoszene. 30 qm hat nun seit Dezember sein eigener frisch renovierter „Showroom“ an der Anklamer Straße / Ecke Brunnenstraße. Etwas abseits von dem etablierten Galerienviertel ist es sicher eine außergewöhnliche Entdeckung. Eine kleine, aber von Anfang an professionell geführte Initiative.

Persönliche Kontakte sind wichtig, vor allem zu den Fotografen. So lerne ich bei meinem Besuch gleich Jana Stepanova kennen. Eine tschechische Fotokünstlerin, die sich mit Gender-Themen beschäftigt. Zu Photeur sollen auch Jungtalente kommen, die noch keine große Karriereliste
zu verzeichnen haben. Hier bekommt junge Fotografie
eine Chance – „Dazu muss man nicht in Houston studiert haben“, so Horst Kloever.

Auf der Webseite findet man auch interessante Arbeiten wie die von Karolina Sekula. „Not a good match“ – eine Diplomarbeit, die aus einem Zyklus von jeweils zwei Portraits besteht, die Menschen in bestehenden partnerschaftlichen Beziehungen ablichten. Die Fotos sind eine Analyse zwischenmenschlicher Beziehungen.
Die Fotografin geht der Frage nach, was Menschen unterschiedlichen Seins dazu veranlasst, sich voneinander angezogen zu fühlen.

Momentan ist noch die erste Ausstellung von Vojtech S. Slama zu sehen. Der 32-Jährige, bereits bekannte tschechische Fotograf, ist an der digitalen Fototechnik überhaupt nicht interessiert. Er präsentiert klassisch schwarz-weiße Aufnahmen, die er mit einer alten Mittelformatkamera, Relleicord, macht und in der Dunkelkammer selbst vergrößert. Es sind kleine, aber interessante Momente, die Dinge mehr andeuten als konkret sagen

Es lohnt sich vorbeizuschauen, denn bei den tschechischen, rumänischen und polnischen Fotografen, die in Berlin leben, hat sich Photeur bereits herumgesprochen, und auf der Vernissage hörte man einige osteuropäische Sprachen. Zeit, den Nachbarn kennen zu lernen!

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Mercedes Helnwein – Amazing Grace


Mercedes Helnwein: THE WALL I, 2006

Mercedes Helnwein: THE WALL I, 2006

Schwarzer Stift auf Papier. 42 x 63,5 cm. Courtesy pool gallery
Abbildung erschienen in Kunstmagazin Ausgabe Februar 2007

Petra Pilzecker
Die junge Frau berührt mit ihrem Körper die Wand. Durch ihr Sommerkleid fühlt sie die Kühle an ihrem Bauch, ihrem Busen, an den Lippen, der Nase und ihrer Handfläche. Traut sie sich diese intime Geste nur, weil sie gerade niemand sieht oder ist noch jemand im Raum?

Diese Szene ist typisch für Mercedes Helnwein. Ihre Zeichnungen haben alle eine starke Körperlichkeit, und sie sind technisch brillant, sensibel und kraftvoll. Erstaunlich, was die 25-Jährige erschafft. Dabei stehen formale Aspekte gar nicht im Vordergrund, sondern die Figuren, ihre Handlungen und die Atmosphäre. Seit sechs Jahren lebt die Künstlerin in Los Angeles und die Berliner pool gallery zeigt vom 2.2. bis 24.3. ihre erste Einzelausstellung in Deutschland.

Schlaff sitzt die junge Frau in der Ecke. Das hübsche Kleid ist zerknautscht und sie lässt ihren linken Arm herab baumeln. Ist sie einfach nur erschöpft oder hat sie sich gerade einen Schuss gesetzt? – Manche Szenen wirken wie eine aktuelle Variante von Cindy Shermans „film stills“. Wie sie, inszeniert Mercedes Helnwein Rollen und Geschichten. Und die sind äußerst ambivalent. Zart und grob, gut und böse, schlagen und streicheln liegen so nahe bei einander, dass man es nicht klar ausmachen kann. Etwas unheimlich Lauerndes haben fast alle Motive. – Die Frau steht mit erhobenem Arm da, wie die leibhaftige Freiheitsstatue. Fahler Gesichtsausdruck, tiefe Augenringe. Sie sieht aus, als glaube schon lange keiner mehr an sie und ihre Standhaftigkeit.

Schon als Kind liebt die Tochter von Gottfried Helnwein das Zeichnen und trägt, wie andere ein Kuscheltier, ständig Papier und Stift mit sich herum. Für sie können es gar nicht genug Prinzessinnen und Meerjungfrauen sein. Später macht sie unzählige Porträts von ihrem Bruder Ali und bis heute illustriert sie jedes Buch, das sie liest. Mit zehn Jahren bringt ihr Lehrer sie auf die Idee, dass auch Schreiben
eine spannende Sache ist. Ihre ersten Geschichten sind wild, mit sprechenden Haien und Selleriestangen als Präsidenten. Später schreibt und veröffentlicht sie Kurzgeschichten, und inzwischen ist ihr erster Roman „Amazing Grace“ gedruckt. In Los Angeles will das erste Mal jemand eine Zeichnung von ihr kaufen. Mercedes ist verblüfft und gibt sie ihm für 100,- Dollar. Das war vor fünf Jahren. Inzwischen macht sie regelmäßig Ausstellungen und einer ihrer Käufer ist Nicolas Cage.

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Yoshitomo Naras Kinderwelten


Yoshitomo Nara: Installation Taipeh, 2004

Yoshitomo Nara: Installation Taipeh, 2004

Courtesy: Galerie Zink Berlin. Foto: Hako Hosokawa.
Abbildung erschienen in Kunstmagazin Ausgabe Februar 2007

Katerina Valdivia Bruch

Der 1959 in der japanischen Provinz geborene und in Tokyo lebende Künstler Yoshitomo Nara ist in Japan und in den USA ein Superstar. Naras Motive zieren Merchandiseprodukte, wie Armbanduhren, Platten- und Buchcovers, Buttons usw., die weltweit in fast jedem Museums- oder Comicshop zu erwerben sind. So wie Nara zwischen den Kulturen Asiens und Europas pendelt, schwebt auch seine Kunst irgendwo im Niemandsland zwischen High and Low, Pop und Fine Art, zwischen der Verantwortung und Rationalität der Erwachsenenwelt und einer dagegen revoltierenden Kinderwelt.

Mit Bildern nur scheinbar unschuldiger kleiner Mädchen wurde Nara berühmt: Kindchen mit einer Idee die uns fremd ist, einem Auftrag den wir nicht kennen und einer nicht immer unterschwelligen Agressivität oder offensichtlicher Melancholie. Die expressiven Grimassen der einzelnen Charaktere scheinen mit uns zu sprechen, uns mit den ihren Emotionen zu konfrontieren.
Der hervorragende Zeichner will seine Bilder nicht von den strengen Regeln seiner klassischen künstlerischen Ausbildung und technischer Raffinesse dominieren lassen. Seine Arbeit ist beeinflusst von seiner Kindheit auf dem Lande, dem Fernsehen, japanischen und amerikanischen Comics, europäischen Kinderbüchern und Walt Disney. Er lässt sich eher von aktueller Musik, Büchern und dem Kino als der zeitgenössischen Kunst beeinflussen. Der ehemalige UCLA Gastprofessor malt lieber so, wie auch Kinder malen würden.
Nara stand dem KUNST Magazin Berlin für ein Interview zu seinem aktuellen Projekt in der Hauptstadt zur Verfügung:

Sie haben in Düsseldorf studiert. Wie hat ihr Aufenthalt in Deutschland ihre Arbeit beeinflusst?
Eigentlich gar nicht. Aber eigentlich schon: wenn man als Japaner in Deutschland lebt, kann man sehr einsam sein. Und für meine Bilder ist Einsamkeit sehr wichtig.Ich muss alleine sein, damit ich arbeiten kann, auch in Japan. Ich male dann meistens von Nachts bis Vormittags, dann schlafe ich wieder.
Ich war 12 Jahre in Deutschland und bin 2000 wieder nach Japan gezogen. Das war sehr wichtig. Es ist das erste Mal, dass ich in Berlin meine Arbeit zeige. Aber ich zeige sie nicht alleine, ich zeige sie zusammen mit graf. Das sind fünf Freunde aus Japan, die Hütten bauen für meine Bilder und Zeichnungen anfertigen! Ein Freund hat mir 2003 Toyoshima Hideki vorgestellt. graf hat eine Werbeagentur, ein Restaurant, eine Galerie und ein Möbeldesignstudio in Osaka. Wir haben uns gleich gut verstanden und dann hat graf mich eingeladen bei ihnen in der Galerie auszustellen. Danach haben wir das erste Projekt zusammen gemacht. Seit drei Jahren arbeiten wir immer wieder zusammen und haben schon in New York, London, Seoul, Bankok und an vielen Orten in Japan zusammen Projekte gemacht.

Herr Nara, Sie sind durch Bilder von Mädchen die einen naiv, agressivem Ausdruck haben, sehr bekannt geworden. Sind Sie der Meinung, das Kunst auch eine alltägliche Konsumware sein kann?
Ich mache meine Bilder nicht nur für die Kunstszene und die Kunstwelt. Meine Bilder sind für mich und alle die so fühlen wie ich. Darum ist es auch gut, dass jeder kleine Objekte kaufen kann, egal ob T-Shirt, oder ein Buch, oder eine kleine Figur. Es ist wichtig, dass viele Leute meine Arbeit sehen können, nicht nur die Leute aus der Kunstwelt. In Japan ist meine Arbeit auch unter ganz jungen Leuten sehr populär, meine Bilder haben viel mit dem Lebensgefühl der jungen Generation in Japan zu tun. Es geht viel um Selbstbestimmtheit und um Eigenständigkeit. Meine Figuren sehen nur aggressiv aus, aber sie sind es nicht. Sie setzten sich nur zur Wehr gegen diejenigen, die über sie bestimmen wollen! Vielleicht muss Kunst keine Konsumware sein, aber es ist viel besser, wenn Kunst Teil des Alltags ist.

Glauben Sie, dass sie durch diesen Erfolg ein Publikum außerhalb der Kunstsammler und Kunstinteressierten erreicht haben?
Ich glaube schon. Ich glaube, für die anderen Leute ist meine Kunst aus anderen Gründen wichtig. Nicht nur als Kunst für Kunstsammler. Aber es ist natürlich auch toll, wenn Leute meine Bilder sammeln.
Kunst als Spiel und Unterhaltung sind Begriffe, die mir auffallen, wenn ich ihre Arbeit sehe. Im Hintergrund Ihrer Arbeit sehe ich eine kritische Auseinandersetzung. Es gibt Mädchen, die kleine Messer haben, als ob Sie gefährlich sein könnten und es doch nicht sind.

Was möchten Sie damit sagen?
Meine Figuren sind auch ein bisschen Selbstportraits. Ich male manchmal ein Bild in einer Nacht, das spiegelt dann, wie ich mich in dieser Nacht fühle. Meine Figuren beschützen sich gegen die Welt, die Sie beeinflussen will, sie reagieren auf das, was von außen auf sie zu kommt. Es geht eigentlich darum, selbst zu denken, selbst zu bestimmen, selbst zu handeln.

Könnten Sie mir kurz Ihren Kunstbegriff erklären?
Ich glaube nicht, dass ich einen Kunstbegriff habe.

Herr Nara, vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen einen guten Aufenthalt in Berlin!

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