Berliner Kunststiftungen – Fördern und Bewahren


Nairy Baghramian, Gewinnerin des „Förderpreis Bildende Kunst“ der Bayer Schering Pharma AG.Foto: Marcel Mettelsiefen, Rechte: Schering Stiftung

Peter Althaus, Franka Nagel, Katharina Helwig, Jen
Stiftungen sind wieder en vogue
Geschätzte 600 Millionen Euro flossen 2006 aus der Wirtschaft in die Kulturförderung, 160 Millionen davon in unternehmensverbundenen Stiftungen. Marketingstrategen haben die Kultur schon länger für sich entdeckt. Kaum eine größere Veranstaltung mehr ohne Logos von Unternehmen auf Eintrittskarten und Plakaten, kaum eine Konzernzentrale, die sich nicht mit den Namen und Werken bekannter Künstler schmückt. Man ist heute unideologisch geworden und nutzt die Vorteile, die sich für beide Seiten ergeben. In den Medien ist allerdings von „sich andienender Hofkunst“ die Rede, von den „Fängen der Branding-Strategien“, in die die Künstler sich begeben und einer „diktatorische Züge tragenden Ökonomisierung“.

Schon im Mittelalter versprachen sich Wohlhabende durch das Stiften von Hospizen und Kirchen einen Weg zum Seelenheil. Die Fuggerei, 1521 in Augsburg gegründet und die heute älteste Sozialsiedlung der Welt, ist eine Stiftung. Seine Blütezeit erlebte das Stiftungswesen während der Gründerzeit und im späteren Kaiserreich. Besonders Kaiser Wilhelm II. verstand es, bedeutende Industrielle und Bankbesitzer zur Gründung von Stiftungen für die verschiedensten Zwecke zu bewegen.

Der Nationalsozialismus und die DDR setzten dem Stiftungswesen jedoch erheblich zu und es wurden einige, bis zu jahrhundertealte Stiftungen aufgelöst. In den jüngsten Dekaden ist der Trend jedoch wieder eindeutig ansteigend: Ende Januar 2007 vermeldete der Bundesverband Deutscher Stiftungen in einer Pressemitteilung die höchste Zahl von Neugründungen seit dem Kaiserreich. 899 Stiftungen wurden im Jahre 2006 in Deutschland neu gegründet. Insgesamt bestanden Ende 2006 rund 14.400 Stiftungen in Deutschland. Berlin liegt dabei trotz starken Aufholens in der jüngeren Vergangenheit mit weniger als einem Drittel der Hamburger Stiftungsdichte (Stiftungen pro Einwohner) im Deutschen Vergleich immer noch hinten an.

Das Image polieren und dabei Steuern sparen?
Die kritischen Stimmen sind nicht zu überhören. Stifter können ihr Vermögen an der Erbschaftssteuer vorbei weitergeben. Stiftungen unterstehen zwar der Aufsicht durch die Stiftungsaufsichtbehörden der Länder, diese kontrollieren jedoch nur, ob der Stiftungszweck erfüllt wird. An Transparenz mangelt es den Stiftungen zumeist ohnehin, da diese nicht verpflichtet sind zu veröffentlichen, wer hinter ihnen steckt und was mit dem Geld passiert. Jedoch!

Stiftungen im Kulturbereich sind im Gegensatz zum Kultursponsoring mit ihrem Kapital zumeist unabhängig von Unternehmen und verfolgen nachhaltige Kulturförderungsprojekte. Bei aller Diskussion um eine mögliche „Ökonomisierung“ von Kunst – für junge Künstler kann eine Förderung, beispielsweise der Gewinn oder die Nominierung zu einem Stiftungspreis, einen entscheidenden Karriereschub geben.

Nairy Baghramian, die Gewinnerin des „Förderpreis Bildende Kunst“ der Bayer Schering Pharma AG, darf sich über ein Preisgeld von 10.000 Euro freuen. Zusammen mit den anderen nominierten Künstlern Thorsten Brinkmann, Jan Bünnig, Michael Sailstorfer und Marco Schuler sind ihre Arbeiten in einer Ausstellung in der Berlinischen Galerie zu sehen. Das Mehr an Öffentlichkeit, das ihnen durch die Unterstützung einer Wirtschaftsstiftung möglich wurde, könnten sie dazu nutzen, geistige Unabhängigkeit zu beweisen und gesellschafts- oder wirtschaftskritische Aspekte in ihrer Kunst deutlich zu machen.

Geförderte Kritik, unterstützte Avantgarde, gesicherter Bestand?
Seit 1968 existiert die NGBK (Neue Gesellschaft für Bildende Kunst) überwiegend durch Mittel, die der Berliner Kunstverein von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie bekommt. Damit ist es der NGBK möglich, völlig unabhängig von den Erfordernissen des Kunstmarktes ein anspruchsvolles, oftmals sehr gesellschaftskritisches Programm zu realisieren.

Für Museen oder Archive stellt eine Stiftung mit Trägerfunktion oftmals die einzig mögliche Existenzform dar. Die Staatlichen Museen zu Berlin würden ohne die ‚Stiftung Preussischer Kulturbesitz’ kaum existieren, ebenso hätten das Berliner Ephraim-Palais und das Märkische Museum, ohne die Stiftung Stadtmuseum längst schließen müssen. Sie bewahren bedeutende Kulturgüter wie die Sammlung Kindheit und Jugend. Anerkannte Museumseigenschaft hat auch die 1986 gegründete Kunststiftung Poll. Diese Stiftung setzt sich dafür ein, dass künstlerische Einzelpositionen des Realismus, unabhängig von Tagesmoden oder Entwicklungen des Marktes für die Öffentlichkeit erhalten bleiben. Die in ihrem Besitz befindlichen Werkgruppen aus dem Nachlass von Malern des in den 1960er Jahren von Berlin ausgehenden Realismus werden mit Arbeiten zeitgenössischer Künstler ergänzt. In der Galerie der Stiftung werden regelmäßig Ausstellungen gezeigt. Ein Stiftungsbeirat aus Künstlern, Museumsdirektoren, Kunstkritikern und Sammlern unterstützt die Projekte. Zu den Museumsstiftungen kommen oftmals Freundeskreise, die einzelne Museen oder besondere Sammlungen unterstützen. Sie bringen die Mittel auf, die durch Eintrittsgelder nicht erwirtschaftet werden können und die der Staat nicht einbringen kann. Gerade die von Freundeskreise und ihren Stiftungen unterstützten Projekte nicht nur materiell sondern haben auch andere positive Wirkungen. Sie rütteln gern mal an festgefahrenen Strukturen und bringen neuen Schwung in die Büros und Ausstellungshallen des Staates. Die 2004 vom Freundeskreis in der Neuen Nationalgalerie initiierte MoMA Ausstellung war allein deshalb eine Sensation, weil sie zeigte, dass ein Museum mit gutem Marketing Massen bewegen kann. Am Ende ermöglichten die eingebrachten Erlöse weitere Ankäufe junger Kunst für die Neue Nationalgalerie, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart Berlin – und die Gründung einer neuen Stiftung.

Günstige Bedingungen für den Nachwuchs
Die schlanken Bronzen von Georg Kolbe haben im Hof ihres Museums Gesellschaft bekommen. Unbeteiligt umringen sie die ineinander verschlungenen Sumoringer von Anna-Kavata Mbiti: Rematch-Momentaufnahme des Kampfes zweier gigantischer Körper. Die Freisetzung enormer Kräfte, die Beschleunigung der Bewegungen, die Wucht des Aufpralls, plötzlicher Stillstand, das Ringen
um Gleichgewicht, gebannt in Holz.

Vor der Aufnahme der Sumoringer in die heiligen Höfe eines Museums, wo sie ihre ganze Pracht entfalten können, steht die Arbeit im Atelier, die Idee und die in der Bildhauerei oft aufwendige Umsetzung. Da wird gegossen, geformt, gebogen, gespannt, geklebt, geschraubt, gesägt, ziseliert, es wird gehievt, geschoben, getragen, gewuchtet. Wenn Mbiti für Rematch Pappelstämme und Lindenholz miteinander verkeilt und mit der Motorsäge flink und präzise bearbeitet‚’ wie mit einem Bleistift im Raum zeichnet’, müssen gewisse Voraussetzungen erfüllt sein. Wenn sie der beeindruckenden Körperlichkeit und Fülle des Sumoringers nachgeht und sich für eine realistische, überlebensgroße Darstellung, für einen Abguss aus weißem Acrylat entscheidet, kommt sie ohne spezialisierte Werkstätten nicht aus.

Unterstützung für junge Bildhauer bietet in Berlin die Bernhard-Heiliger-Stiftung, benannt nach ihrem Stifter und 1996 auf seinen testamentarisch festgelegten Wunsch von seiner Familie gegründet. Die von ihr formulierten Ziele: Wirken und Werk des Stifters kunstwissenschaftlich aufzuarbeiten, zu betreuen und zu präsentieren, sowie die Förderung noch nicht arrivierter Künstler im bereich der Bildhauerkunst. Aufgaben, die Dr. Marc Wellmann, Kunsthistoriker, Kurator und Vorstand der Stiftung, obliegen. Die Stiftung lobt jedes Jahr ein Stipendium unter den Meisterschulklassen für Bildhauerei an beiden Berliner Kunsthochschulen, an denen Heiliger selbst gelehrt hat, aus. So wurde 2002 Mbiti von ihrem Professor Tony Cragg an der UdK für das Stipendium vorgeschlagen, von der Jury bestehend aus Vorstand der Stiftung und Mitgliedern des Beirates ausgewählt und bekam eine projektbezogene Förderung, Atelier- und Materialkostenzuschuss und eine ‚Eintrittskarte’ für die vom Freundeskreis der Stiftung organisierte aktuelle Ausstellung im Georg-Kolbe-Museum. Eine erfrischende Schau zeitgenössischer junger Bildhauerei mit dem ambitionierten Titel ´Die Macht des Dinglichen – Skulptur heute!´, bei der die ehemaligen Stipendiaten schon auf dem Sprungbrett zum Durchbruch wippen.Malende Meisterschülerinnen der UdK finden in der Dorothea-Konwiarz-Stiftung Unterstützung. Finanzielle Not während der eigenen Studienzeit an heutigen UdK veranlasste die Stifterin, junge Talente vor ihren Erfahrungen zu bewahren. So vergibt die Stiftung 2007 sechs Arbeitsstipendien in Höhe von monatlich 600,- Euro und bietet Ausstellungsmöglichkeiten in der stiftungseigenen Galerie in Charlottenburg.

Sie ist zwar keine Stiftung sondern ein Freundeskreis, doch bei der Nachwuchsförderung in Berlin darf die Karl-Hofer-Gesellschaft, nicht ungenannt bleiben: Sie unterstützt seit über einem halben Jahrhundert die Universität der Künste und Absolventinnen und Absolventen mit Atelierplätzen, Kunstpreisen und der Vermittlung von Kontakten in den Kunstmarkt. Drei Beispiele von vielen: Günstige Bedingungen für den Nachwuchs.

Weitergehende Informationen zum Thema Stiftungen
Die Website des Bundesverbandes der Deutschen Stiftungen erlaubt z.B. mit dem Stiftungsindex, einer enorm umfangreichen Datenbank, das gezielte Suchen von Stiftungen nach verschiedenen Kriterien wie Sitz und Aufgaben. www.stiftungen.org.Ebenfalls sehr informativ ist die Homepage des Maecenata-Institutes: www.maecenata.eu

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KM 0703 – Am Anfang…

… einer Stiftung steht ein Gedanke. Eine Idee, etwas das produziert oder bewahrt werden will. Eine Stiftung gehört sich selbst und wird von einem Beirat betreut. Wie sich dieser Beirat zusammensetzt ist eine Sache und wozu die Stiftung dienen soll steht in einer Satzung. Stiftungen sind oftmals scheue Wesen, die viel bewirken und das mit Nachhaltigkeit. Wir stellen Ihnen das Schaffen einiger Berliner Stiftungen vor.Beeindruckend gut besucht war die Eröffnung der Ausstellung ‚Skulptur Heute’ im Georg Kolbe Museum. Organisiert und gefördert wurde diese Schau von der Bernhard Heiliger Stiftung und ihrem Freundeskreis. 24 Künstler waren daran beteiligt, teils Meisterschüler, teils bereits von renommierten internationalen und Berliner Galerien vertreten. Es gab bei über 1000 Besuchern immer wieder Zeiten zu denen niemand mehr eingelassen werden konnte. Der zweite Titel der Veranstaltung verdeutlicht, was da so eine Sogkraft hatte: Die Macht des Dinglichen.

Die Gewinnerin des ‚Förderpreises Bildende Kunst der Schering Stiftung 2007’ ist eine Frau und sie freut sich über die Ehre, das Preisgeld und eine Ausstellung mit den anderen Nominierten in der Berlinischen Galerie – wir gratulieren!

Herr Thomas Struth hat uns eine Postkarte aus dem Prado geschrieben. So was freut uns wirklich. Katarina Bruch war zufälligerweise grade in Spanien und hatte mit ihm eine aufschlussreiche Unterhaltung über seine Ausstellung in Madrid und Berlin.

Überwältigend positiv war das Feedback auf unsere erste Ausgabe im neuen Format. Wir bedanken uns und wünschen Ihnen viel Spaß mit unseren Ausstellungstipps und Hintergrundberichten.

Ihr KUNST Magazin Berlin Team

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Thomas Struth – Making Time


Thomas Struth: Museo del Prado 7, Madrid 2005, 142,0 X 178,7 cm, 1/10, Copyright: Thomas Struth

Katarina Bruch, Jennifer Becker
Seit 18 Jahren lichtet Thomas Struth Museumsbesucher
ab. In dieser Zeit fotografierte er in den bedeutendsten Museen der Welt, darunter die National Gallery in London, das National Museum in Tokyo, das Art Institute of Chicago, die Eremitage in St. Petersburg, die Accademia in Florenz, der Louvre in Paris, die Alte Pinakothek in München und das Pergamon Museum in Berlin.

2005 fotografierte Struth im ‘Museo Nacional del Prado’ in Madrid. Das Museum ist seitdem um einen neuen Flügel erweitert worden und Thomas Struth wurde eingeladen, mit einer Ausstellung das neue Gebäude zu eröffnen. Er zeigt dort neun im Prado und drei in der Eremitage und in der Accademia entstandene Fotografien. Diese Bilder hängen zwischen Werken von Velásquez, Dürer und anderen klassischen Künstlern. Auf diese Art sieht der Betrachter die Ölgemälde zwei Mal: einerseits im Original und andererseits abfotografiert mit Besuchern, die sich die Bilder zu einem anderen Zeitpunkt angesehen haben, so wie er es jetzt selbst macht.

Struth ist ein Beobachter, der aus einer bestimmten Distanz und Höhe als Betrachter der Betrachtenden agiert und so Kunst aus der Kunst selbst schafft, wie das Foto der Gruppe von Schulmädchen, die vor eben dem Velásquez Gemälde selbst wie zeitgenössische Meninas aussehen.

Die am 6. Februar 2007 eröffnete Ausstellung Making Time bedeutet ein neues Kapitel für das Museo Nacional del Prado: es ist die erste Ausstellung eines lebenden Künstlers. Diese Serie von Fotografien eröffnet eine neue Ära des altehrwürdigen Museums, das die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Künstlern weiterhin verfolgen will.

Thomas Struth hingegen läutet im Prado das Ende seiner Serie ein. Es soll sein letztes Museum sein, in dem er die Begegnung der Besucher mit Kunstwerken fotografisch verarbeitet. Gelegenheit das Aufeinandertreffen der Zeiten in Madrid zu erleben hat man bis zum 25. März 2007. Bereits ab dem 24. März ist die Ausstellung in der Galerie Max Hetzler in Berlin zu sehen. Das Medium Fotografie macht es möglich zeitgleich an zwei Orten zu sein: Making Time.

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