Text: Katharina Helwig
Endlich bekommt die zeitgenössische Kunst in Berlin einen Raum, eine adäquate Plattform, ein sensationelles Basislager an prominenter Stelle: Die Kunsthalle kommt. Bald. Oder kommt sie doch nicht?
Eine gute Gelegenheit, Zeit, sich umzuschauen: Wo war die junge Berliner Kunst bisher? Weniger in den Galerien, noch weniger in Museen, eher hoch gehandelt im Ausland und Berlinern und Besuchern dadurch vorenthalten, das ist das Ergebnis der angeheizten Diskussion der letzten Monate. Und doch war und ist sie überall gegenwärtig. Kein spektakulär aufgezogener Kassenknüller, kein singuläres Event mit Metropolenglamour, sondern eine Vielfalt an Projekten, Ausstellungen und Experimenten, getragen von einem kontinuierlichen Engagement, das maßgeblich die Kunstvereine in Berlin leisten.
Kunstverein: Der kleine juristische Zusatz e.V. löst bei Mitgliedern desselben ein enthusiastisches Echo, bei Nichtbeteiligten eher einen Gähnreflex aus. Das mag an überholten Vorstellungen über die traditionsreichen Kunstvereine liegen, an der Abneigung gegen vor Paragraphen strotzenden Satzungen. Diese Letzten sind nach wie vor Grundlage jedes Kunstvereins und regeln Aufgaben und Struktur dieser Institution; die gesellschaftliche Relevanz ihrer Arbeit wird durch indirekte staatliche Förderung bestätigt und unterstützt. Für das Ziel, junge Kunst zu fördern, auszustellen und zu vermitteln und internationale Netzwerke zu knüpfen, sind die zumeist ehrenamtlichen Mitarbeiter unermüdlich aktiv.
Es gibt heute bundesweit etwa 250 Kunstvereine, kleine und große, traditionsreiche und neu gegründete, gefeierte und übersehene, alle ausgestattet mit unterschiedlichen Budgets, manche gefördert durch Stiftungen, andere vergeblich auf Sponsorensuche.
Die Kunstvereine befinden sich seit ihrer Gründungphase im 19. Jh. im Wandel, in der Auseinandersetzung mit kunst- und gesellschaftspolitischen Aktualitäten.
Durch die euphorisierende Wirkung der Aufklärung waren die ersten Kunstvereine ein Ausdruck bürgerlicher Emanzipation, die Hof und Kirche ein demokratisches Modell der Kunstvermittlung entgegensetzten. Sie förderten Künstler, da diese damals mit zunehmender Säkularisierung ihre Existenz zu verlieren drohten. Keine Galerien, kaum öffentliche Museen: Diese Lücke schlossen die Kunstvereine und waren das Triebwerk für die ersten Kunsthallen. Sie erwarben von den Mitgliedsbeiträgen Kunstwerke, die dann jährlich per Los an ein Mitglied gingen – Anreiz, die ‚Liebe für das Schöne’ mit dem Nützlichen zu verbinden. Heute geht es weniger ökonomistisch zu. Nur die Jahresgaben der Vereine, mit denen Mitglieder kleine Kunstwerke zum Vorzugspreis erwerben können, künden noch heute von dieser Praxis. Gerade die Möglichkeit, Kunst im nicht kommerziellen Feld präsentieren zu können, bietet Freiraum für Ideen und ist von Vorteil für Künstler und Publikum, später dann oft für die Galerien.
Berlin verfügt nicht, wie etwa Hamburg oder Bremen, über den einen alteingessenen mit der entsprechenden Kunsthalle verbundenen, sondern über mehrere Kunstvereine mit unterschiedlichem Selbstverständnis. Die bekanntesten wurden Ende der 1960er gegründet. Aus kunstaffinen Menschen aller Couleur, Künstlern und Wissenschaftlern wurden passionierte Mitglieder.
So im Neuen Berliner Kunstverein, 1969 gegründet und seit 1994 in der Chausseestraße ansässig. Im Treffpunkt NBK haben alle Interessierten die Möglichkeit, Künstler kennen zu lernen und sich in Vorträgen auf den aktuellen Stand der Kunst bringen zu lassen. Auch werden regelmäßig Stipendiaten der Kulturverwaltung des Berliner Senats vorgestellt.
Die im selben Jahr gegründete Neue Gesellschaft für Bildende Kunst arbeitet ausdrücklich basisdemokratisch, ohne die sich in Vereinen automatisch einstellende Hierarchie mit beauftragter künstlerischer Leitung. Hört sich schwerfällig an, räumt aber den Mitgliedern gleichwertiges Mitspracherecht ein. Die Räume in der Oranienstraße in Kreuzberg offenbaren überraschende und aufschlussreiche Ausstellungen über gesellschaftspolitische Themen. Dazu kommt der ungewöhnliche, aber publikumswirksame Ausstellungsort im U-Bahnhof Alexanderplatz. Anstelle penetranter Werbeplakate wird auf dem Bahnsteig der U2 Kunst geboten. Aktuell sind Werke von Marc Brandenburg in UNDERGROUND zu sehen.
Da Berlin zwar einen Bezirk namens Mitte, aber kein eigentliches Zentrum hat, sondern dezentral organisiert ist, auch in kulturellen Belangen, wundert die Vielfalt der kleineren Kunstvereine nicht. Auf der Suche nach Räumen agieren sie oft mit Kunst- bzw. Kulturämtern zusammen.
Der Kunstverein Tiergarten e.V., 2005 gegründet, fördert z.B. zusammen mit dem Kulturamt Mitte künstlerische Projekte vorrangig in Moabit und Tiergarten. Er bietet ein umfassendes Vermittlungsprogramm und übernahm 2006 die Trägerschaft für die Galerie Nord, in der die anspruchsvollen, themenorientierten und international besetzten Ausstellungen einen Rahmen finden.
So können die Bezirke weiter durchdekliniert werden: Charlottenburg? In nächster Nachbarschaft zum Schloss Charlottenburg zeigt die Villa Oppenheim, Galerie für Gegenwartskunst, junge Kunst aus Berlin, internationale Künstler und betreibt ein umfangreiches Vermittlungsprogramm. Tempelhof-Schöneberg? Haus am Kleistpark: Zusammenarbeit mit der NGBK. Kürzlich machten die Stipendiaten der Karl-Hofer-Stiftung im Haus am Kleistpark eine STIPVISITE. Steglitz-Zehlendorf? Schwartzsche Villa, bis 2005 war auch das Haus am Waldsee in Trägerschaft des Bezirks. Neukölln? Galerie im Saalbau und im Körnerpark, die eine enge Zusammenarbeit mit dem 1996 gegründetem Kulturnetzwerk Neukölln e.V. pflegen. Kreuzberg-Friedrichshain? Kunstraum Kreuzberg/ Bethanien, der aktuell mit HARDCORE GLAMOUR brilliert (siehe Ausstellungshinweis auf Seite 21) und die Galerie im Turm auf der anderen Spreeseite des Bezirkes. Angesichts immer knapper Budgets kann diese engagierte Arbeit für Künstler und Öffentlichkeit, für Berlin, nicht hoch genug eingeschätzt werden. (Von dieser Stelle: Großes Lob und weiter so! An Politik und Sponsoren: Investieren!)
Aber längst nicht alle Kunstvereine finden einen passenden Raum oder sind finanziell so ausgestattet, dass sie ihre Projekte ausreichend gestalten und bewerben können. Gerade in der Konkurrenz zu marketingstarken Museen geraten sie oft ins Hintertreffen. Frustration ist dann ein zäher Begleiter. Als Alternative entwickelt und nutzt der Kunstverein K.A.P., gegründet 1996 im Prenzlauer Berg, seine Internetpräsenz um Künstler vorzustellen. Die Grenzen zwischen Produzentengalerie und Kunstverein sind oftmals fließend, wie bei der Produzentengalerie Scotty Enterprises, deren Verein zurzeit in Gründung ist.
Mannigfaltige Möglichkeiten, der jungen Kunst zu begegnen, notfalls auch ohne ‚Gesamtkunsthalle’. Der Wunsch der Kunstvereine? Dass ihr Angebot genutzt wird. Auch von Nichtmitgliedern.