Adrian Nabi
Foto: Tristan Walkhoefer
Ramona Hall
Berlin ist nicht nur hip und günstig und momentaner Tummelplatz der europäischen Kunst, sondern bildet mit seiner besonderen Architektur aus vielen Betonmauern, Brandfassaden und leerstehenden Gebäuden auch den derzeitigen Mittelpunkt der europäischen Street Art Szene. In diesem Monat widmet sich zum dritten und leider letzten Mal das Ausstellungs- und Veranstaltungsprojekt Backjumps – The Live Issue den internationalen Entwicklungen der Street Art auf einmalige Weise.
Die Basis bildet erneut die zentrale achtwöchige Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien mit ihrem Netzwerk kooperierender Projekte und Galerien, die thematisch vereint die Stadt zu einer lebendigen Druckversion des damaligen Backjumps-Magazins werden lassen.
Stärker als bei der mit über 17.000 Besuchern gut besuchten Ausgabe im Jahr 2005, setzt Backjumps in diesem Jahr auf die qualitative Vermittlung. So können Interessierte und Begeisterte ausgerüstet mit Notizblock und Wörterbuch mit den Künstlern Bronco und Gould um den Kiez ziehen, mit Akim eine Fahrradtour machen und sogar eine Kreuzberg-Kneipenklo-Tour ist im Programm. Für Senioren und Kinder gibt es spezielle Workshops und wer sich lieber theoretisch mit dem Thema auseinandersetzt, findet spannende Vorträge und Diashows im Programm.Wir haben uns mit dem Kurator Adrian Nabi über das Festival und seine Tätigkeit dabei unterhalten.
Adrian, du warst Straßenkind, Herausgeber eines Graffiti Magazins, Manager von Hip Hop Künstlern und bist jetzt Kurator Urban Art- Kunstprojektes geworden. Wie siehst du dich in dieser Rolle und was sagst du zur Kunstszene?
Ich hab kein Problem mit der Kunst, nur hat sie bei mir keinen großen Stellenwert. Sie ist ein Weg der Kommunikation, aber für mich als Streetkid und Nicht-Akademiker, ist sie oft zu weit entfernt. Kunst muss die Leute berühren, ein Problem der meisten Institutionen ist, dass sie zu wenige Leute erreichen und nicht jeder versteht, was gemeint ist. Wenige gehen absichtlich in Galerien und Museen, denn Kunst ist Luxus in der heutigen Zeit, wenn alles schneller wird und jeder gestresst ist.
Wie bist du dann zu so einer Ausstellung, die sogar Sponsoren anzieht, gekommen?
Ich hab mir nie ausgesucht, Kurator zu werden. Wenn ich einen Film schiebe und für mich eine bestimmte Notwendigkeit besteht, dann gehe ich raus und suche mir die Leute dazu.
Meine Aufgabe ist es, den Künstlern Raum zum freien Ausdruck zu schaffen und dabei lerne ich auch zuzulassen. Man kann eine Ausstellung designen aber das will ich nicht. Durch gegenseitigen Respekt und Kenntnis entsteht ja schon ein Anspruch, mehr als ein bisschen pushen will ich keinen Künstler. Ich nutze den Kunstbetrieb und die Institution als Werkzeug um zu kommunizieren, aber es ist wichtig, dass Projekte weiterhin draußen passieren, ich will die Leute direkt erreichen, z.B. wie mit den Brandfassaden visuelle Oasen schaffen. Da braucht man allein schon fürs Gerüst Geld. Dabei muss ich Kompromisse eingehen.
Parallel zur temporären Ausstellung entstehen während des Festivals auch dauerhafte Kunstwerke, wie zum Beispiel das „Brandfassadenprojekt“, ein persönlicher Zögling des Kurators, welcher seinen Traum verwirklichen möchte, in den nächsten 10 Jahren eine einzigartige bunte Brandfassadenkultur für die Stadt zu schaffen.
Wenn ich die Möglichkeit habe, drei Fassaden in einem Kiez zu machen, wovon zwei an Spielplatzsituationen liegen und z.B. Nike das Geld zur Verfügung stellt, sich aber völlig zurück nimmt, dann mach ich das doch. Wo steht großartig, dass sie unser Sponsor sind? Sieht man irgendwo das „swoosh“ (Nike-Logo) auf unserer Ausstellung? Und nachher redet keiner mehr drüber aber die Brandfassaden bleiben. Diese Sichtweise habe ich inzwischen gelernt.
Es ist aber auch nicht so, dass ich alles annehme, ich hab auch meine Werte und muss mit mir auch schon oft Kompromisse machen und ausloten, wie weit ich gehen kann. Im Endeffekt würde ich auch gern Projekte ohne die Industrie völlig frei umsetzen, aber ab einem gewissen großen Rahmen geht das nicht mehr.
Im Kunstmarkt, mit dem viele unserer Leser ihr Leben bestreiten, geht es aber oft knallhart um Profite. Kommen zu eurer Ausstellung auch Kaufinteressenten und Talententdecker?
Dem Kunstmarkt geht es um Geld und jeder wäre gerne Entdecker von so einem Künstler der so viel umsetzt wie jetzt „Banksy“, einer der ersten „Street Art-Künstler“, der vor kurzem die 100.000 Euro Marke überschritten hat. Deshalb sehen sich die Leute im Moment andere Künstler aus der Szene an und schauen, was es da noch so gibt. Es gibt Leute in meinem Alter, die auch mit der HipHop Kultur aufgewachsen sind, die haben im Gegensatz zu mir Geld und kaufen sich lieber solche Künstler, weil sie kulturell näher an ihnen dran sind als an Penck oder Baselitz. Wir bei Backjumps aber verkaufen nichts, der Künstler bekommt natürlich bei uns eine Plattform geboten, um sich zu präsentieren und vielleicht ergibt sich daraus etwas für ihn.
Trotz aller Berühmtheit in der HipHop Szene und in Berlin bist du selbst Hartz 4 Empfänger. Willst du kein Geld verdienen?
Es ist nicht so, dass ich kein Geld machen will, das Problem ist nur, wie lang hab ich Spaß und kann dahinter stehen? Geld ist schnell ausgegeben und wenn alles weg ist, will ich auf Spaß zurückblicken und nicht auf Scheiße. Es muss sich bei mir im Herzen gut anfühlen und ich muss ne gute Zeit damit haben. Ich bereichere mich nicht, also muss ich mich nicht rechtfertigen. Leider kenne ich keine Leute, die Geld für Kunst haben. Deshalb bleibe ich bei dem was ich kann: Ideen entwickeln und sie ausleben. Und zurückschauend hab ich bei ’ner Menge Projekte Akzente gesetzt. Auch mit dem Backjumps-Magazin damals. Das kann mir keiner nehmen, auch wenn ich manchmal meinen letzten Cent in diese Projekte gesteckt habe. Aber ich hab auch Leute im Team, die müssen Geld verdienen, die arbeiten 8-10 Stunden am Tag, da muss was reinkommen, schließlich verkaufen wir nichts, wir verlangen keinen Eintritt und Führungen und Vorträge sind umsonst. Die Künstler wollen im Hotel wohnen und Material brauchen wir auch. Aus diesem Grund die wenigen zusätzlichen Sponsoren. Es ist das letzte Mal, dass der Hauptstadt Kulturfonds uns fördert, aber ich bin froh, dass es überhaupt so weit gekommen ist.
Programm und weitere Informationen unter:
Backjumps
Öffnungszeiten der Ausstellung: täglich 12–19h
Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2,
10997 Berlin, Tel.: +49-(0)30-90298-1455
bethanien@kunstraumkreuzberg.de
Kunstraum Kreuzberg