Text: Katharina Helwig
Dass ursprünglich auf einer Vernissage den Bildern mit dem Auftragen des Firnis (frz.: Vernis) der letzte Schliff gegeben wurde, hatte einen sehr sinnlichen Nebeneffekt: Der Geruch von Harz und Öl durchzog den Raum; fast konnte der Besucher glauben, er befände sich im Atelier des Künstlers. Eine lustvolle Erfahrung, die man in der Galerie meisterschueler alle Tage machen kann. „Hier ist jeden Tag Vernissage“, erklärt Carol Thiele, Gründerin und Leiterin der außergewöhnlichen Galerie. In den vor kurzem bezogenen Räumen an der Spree arbeiten Meisterschüler aus Berlin und Künstler aus aller Welt in dem galerieeigenen Atelier und stellen ihre gerade vollendeten Werke in den lichtdurchfluteten Räumen aus.
Die Galerie meisterschueler liegt direkt über dem angesagten Restaurant Grill Royal und bietet neben ihrem eigenwilligen Konzept, einem Café, emsigen Künstlern und der charmanten Leiterin einen bestechenden Panoramablick über die Spree, vom Bodemuseum bis zum ARD-Hauptstadtstudio. Mitten im Mitte-Trubel eine Oase der Ruhe. Zeit für sich und die Kunst. Stundenlang vor einem Bild sitzen, Zeit zum Nachdenken: undenkbar in üblichen Galerien, die in der Regel keine Sitzgelegenheiten vorsehen. Carol Thiele brüht Kaffee und nimmt beiläufig jegliche Galerien-Schwellenangst.
Das KUNST Magazin Berlin fragte Carol Thiele und ihre Meisterschüler, was „Lust“ für sie bedeutet:
Carol Thiele:
Meine Lust an der Arbeit besteht darin, den gängigen Kunstmarkt etwas aufzurütteln, dessen Arroganz zu nehmen. Schikimicki-Vernissagen und Messen empfinde ich teilweise als überflüssig und oft auch als Selbstbeweihräucherung. Es soll doch um die Kunst gehen, die Lust an Farben und Ausdruck. Die Kunst schafft eine Sphäre der Freiheit und Lust, in der unsere Empfindungen einmal nicht reguliert werden. Jeden Tag freue ich mich, meine neue Idee weiterzutreiben und die Lust und Freude an Kunst an eine größere Bevölkerungsschicht zu verbreiten. All die zahlreichen Museumsbesucher sollen die Chance bekommen, auch eigene Originale zu erwerben, und damit können die Künstler auch weiter ihrer Lust und Berufung folgen.
Norman Sandler:
Meine persönliche Art, mich mit der Welt auseinanderzusetzen und mir Aspekte dieser anzueignen, war schon immer bildhaft. Insofern ist gestalterisches Handeln für mich ebenso Lust wie innere Notwendigkeit. Ich mache Bilder aus Bildern, entwickle meine subjektive Bildwelt in Anlehnung und Auseinandersetzung mit den uns umgebenden Bildern des täglichen Lebens. Das Bedürfnis, sich ein Bild zu machen, und die Lust am Gestalten sind zwei Aspekte desselben Prozesses, die eng miteinander verbunden sind.
Birgit Borggrebe:
Lust beim Malen … Es ist das Erleben, meine ganze Emotion in ein Bild einzubringen, und das Hineinspüren in mein Bild – und meine ganze Emotion darin wiederzufinden. Ich, aus der Architektur kommend – dort ist alles bodenfest –, finde in der Malerei das Bodenlose und das Spiel mit Farben, und das Spiel der Farben untereinander. Ich lasse sie tanzen, und es gibt immer wieder Überraschungen, wenn sie verschwinden neben der einen und leuchten in der Symbiose mit der anderen Farbe. Ein Experiment, das mir manchmal den Atem nimmt, mich für einen Moment in den Rausch verfallen lässt, in Kopf und Seele frei zu sein.
Anja Leu:
Ich habe immer wieder Lust auf das Unbekannte, die Lust auf etwas, das es vorher so noch nicht gab. Das heißt, es ist für mich auch immer wieder ein Sprung ins kalte Wasser. Wenn es ums Malen geht, werde ich zum Spieler, der immer wieder aufs Ganze setzt. Dass ich dabei auch alles verlieren kann, nehme ich in Kauf. Hinzu kommt eine Art Workaholismus, der mich am glücklichsten sein lässt, wenn ich in Arbeitssachen steige und meiner Arbeitswut freien Lauf lasse.
Die Kaffeetasse ist leer, die Eindrücke hallen nach. Lust: Das ist Motor und Obsession, Notwendigkeit und Glück, Mut, Inspiration und Kompromisslosigkeit. Der Treibstoff? Terpentinöl und Kaffee.