Mark Gisbourne
Irgendwo zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit lauert ein Sinnesinterstitium: der Vorhof der Apperzeption. Und was zunächst als unvorstellbar gilt, nimmt erst dann die Konturen des Vorstellbaren an, wenn es der allzu dominanten Neigung des rationalen Geistes anheimfällt. Doch wie der französische Philosoph Henri Bergson in einem Aufsatz über die innere Vorstellung und die Auswahl äußerer Bilder schon längst bemerkt hat: “Im Realismus erscheint jede Wahrnehmung unvermeidlich als Zufall und somit als Rätsel.”1 Gerade solche Metaphern des Lichts und der Dunkelheit mitsamt ihren psychischen Schattierungen im Denken des menschlichen Geistes sind die Leitthemen der von Florian Müller-Klug kuratierten Ausstellung “Hypernatural”. Die evokative Bindung des Präfixes “hyper” (was so viel wie “über”, “exzessiv”, oder “mehr als normal” bedeutet) mit dem Beiwort “natürlich” (“der Natur gehörig” oder “die Natur betreffend”) betont die Tatsache, dass die menschliche Einbildungskraft in einem unentwegten und nie gelösten existenziellen Paradox zwischen Naturgegenstand und Einbildung verharrt.
Im Mittelpunkt dieser Ausstellung steht also das Unerklärbare oder das Unbegreifliche, sprich: Sichtbares und Unsichtbares, Mysteriöses und Ominöses, und 22 Künstler werden in ihrer jeweiligen Art und Weise dieses Spannungsfeld thematisieren. Vor unserem Redaktionsschluss war noch nicht ganz ausgemacht, welche Objekte ausgestellt werden manche steckten noch in der Entwicklung. Doch unabhängig davon, ob sie am Ende okkultistische oder phänomenologische oder schlicht konzeptionelle Züge tragen, werden sich alle Arbeiten mit den kreativen Grenzen des zugleich Imaginären und Realen auseinandersetzen: mit dem, was als natürliches Phänomen vorkommt, sowie mit den transzendentalen Sätzen, die auf das Phänomen bezogen werden können.
Die übernatürliche, surreale und/oder okkultistische Herangehensweise lässt sich am besten in den Arbeiten von Künstlern wie Philip Grözinger und Jonas Burgert erkennen. Das kleine Gemälde von Grözinger ist Teil einer Inselserie, die von Adolfo Bioy Casares’ Kurznovelle “Morels Erfindung” inspiriert wurde. In Casares’ Novelle findet ein Flüchtling unter einer sonderbaren Truppe von Inseltouristen Asyl und verliebt sich allmählich in eine von ihnen; wie sich allerdings herausstellt, ist ihre Gegenwart nichts anderes als das Produkt einer mysteriösen Projektionsmaschine. Grözingers Bild “Moloch” bezieht sich ebenfalls (ob absichtlich oder nicht) auf den heidnischen dämonischen Gott, der das Opfer lebender Kinder verlangt (Lev. 18:21, 20:2-5). Das Bild verweist somit auf eine bunte Mischung aus Fantasie und Wirklichkeit und wird jedoch zugleich von einer narrativen Präsenz und Referenzialität getragen, die gelegentlich auch die virtuellen, bloß vorgestellten Lebenserfahrungen zum Inhalt haben.
In einer ähnlichen Art und Weise stellen Burgerts große Ölbilder oft das Aufeinanderprallen von imaginären erzählten Welten dar. Manchmal stark an Beckmanns Bildhaftigkeit erinnernd, wiewohl weniger klaustrophobisch in der Komposition und in der Handhabung von Raum, verbinden sie immer sowohl fantastische als auch surreale Elemente. Von daher taucht auch eine ganz andere Ansammlung von traumähnlichen Figuren in ihnen auf, die eine einzigartige Ikonografie hervorbringen: zugleich Collagenkomplex und imaginäres Abbild des Geistes. Diese Interaktion zwischen unterschiedlichen visuellen Bestandteilen verursacht eine hohe Spannung und hinterlässt beim Betrachter ein starkes Gefühl von Verwirrung, die aus der Gratwanderung zwischen den differenzierten Bezügen der fiktionalen Teilaspekte und dem Gesamteindruck hervorgeht. Und das Gefühl wird noch dadurch verstärkt, dass Objekte und Figuren oft mit ganz anderen Maßstäben aufeinander bezogen sind, denn im Vordergrund steht bei Burgert die surrealistische Idee der “Zusammenführung weit abgelegener Realitäten”. Die Verwendung von Quellen aus Fotografie und Ikonografie verdeutlicht, dass eine einzigartig integrierte Landkarte des somit vorgestellten Bewusstseins entsteht.
Bernd Ribbecks kleinformatige Zeichnungen erinnern oft an kosmologische Geometrie und an Bilder, die unter den Illustrationen von Okkultbüchern zu finden sind. Mit Kugelschreiber, Lack und Marker auf MDF generieren die Bilder mehrere optische Ebenen, die visuelle Anspielungen auf okkultistische Suprematisten und Konstruktivisten oder auf Künstler wie Kupka beinhalten. In den Arbeiten manifestiert sich ein kristallografisches und visuelles Feingefühl für geometrische Intarsie, was diese Sichtweise nur noch verdeutlicht. Die Wahlverwandtschaft zwischen Kristallografie und Kosmologie hat ja eine lange visuelle Tradition. In Textur, Markierung und in der optischen Ausstrahlung deuten Ribbecks Arbeiten auf einen paradoxen Sinn für Ordnung, der bei genauerem Hinsehen von alternativen Aspekten der Asymmetrie untermauert ist. Dennoch ist die vertrackte Abstraktion im Vexierspiel zwischen dem als Chaos vorgestellten Kosmos und dem Verlangen nach einem geordneten Universum durchaus in der Lage, den Sinn für die derart geladene Fülle dieser Bilder beim Zuschauer wachzurufen. Und mit dieser Technik gelingt es Ribbeck, eine Empfindung, ein “Feeling” heraufzubeschwören, welches dem rein Phänomenologischen mehr Platz einräumt, was sein Oeuvre von den theosophischen oder pseudo-spirituellen Streifzügen früherer Meister eben unterscheidet.
Materielle Phänomene sind auch für die Arbeiten von Björn Dahlem charakteristisch. Seine plastischen Installationen verlängern Konzeptionen des Kosmischen hin zu einer zusätzlichen paradoxen Form von domestizierter Astronomie: domestiziert in dem Maße, wie die Materialien, die der Künstler oft verwendet, aus alltäglichen Haushaltsartikeln oder üblichen Büroeinrichtungen wie Leuchtleisten und -armaturen, Teppichen, Kissen, Zaumteilen und sonstigen objets trouvés hergestellt werden. Solche erdgebundenen Realitäten fungieren als eine Art banaler Mikrokosmos der Alltäglichkeit, und sie werden in der Folge zusammengewürfelt mit galaktischen Modellen aus anderen astronomischen Quellen und Ideen, die der Science-Fiction abgeguckt sind. Science-Fiction versus Science-Fact ? diese Kontrahenten beschwören eine imaginierte Spannung herauf, die das Hauptziel der Ausstellung mit geballter Kraft verdeutlicht: eine hypernatürliche Ästhetik zu manifestieren entlang der undurchsichtigen Grenze zwischen dem Erklärbaren und dem Unerklärbaren.
Jorinde Voigts Zeichnungen tendieren zur Konzeptualität und teilen dennoch das starke Gespür für die astronomischen und atomischen Elemente dieser Welt. Sie beinhalten auch ein Element zeichnerischer Performanz als Form des Inhalts. Doch seltsamerweise basieren sie zugleich auf Bestandteilen, die aus abstrahierten oder natürlichen Phänomenen gewonnen werden, die Jorinde Voigt für ihr “Field of Force” adaptiert. Tabellen, Partituren und Zeichensysteme werden eingesetzt, um ein Gefühl von höherer oder geänderter Wahrnehmung zu kreieren, die, wiewohl eine Form analytischer Wahrnehmung, längst nicht auf die unmittelbare Realität beschränkt bleibt: Die Linienzeichnungen können ja auch oft symbolisch sein. Großformatig (gelegentlich als Diptycha) generiert Voigt einen linearen Link zwischen Objekten und Fakten: zwischen Linie und Semiotik, zwischen konventioneller Bedeutung und Gegenwirklichkeit. Die Linienführung dient der Künstlerin auch in anderer Hinsicht: Sie verbindet Sprache als Form schriftlichen Denkens mit Linienzeichnung als Darstellungsmodalität eines offenen Feldes im endlosen Raum. Alle Objekte existieren im Raum (also: greifbar), Gedachtes und Ausgedrücktes jedoch nur in der Zeit (ungreifbar). Ähnliche Vergleiche lassen sich auch in Bezug auf Hanne Darboven ziehen. Doch während beide Künstlerinnen eine konzeptionelle Basis teilen mögen, hat man bei Voigts Arbeiten nie den Eindruck, hier werde Vergangenes historisch schlicht vergegenwärtigt. Vielmehr dreht sich alles in ihrer Arbeit um das empfindliche Gleichgewicht zwischen der Idee eines Zeichensystems und der transformierenden Macht der Linie als intuitiver ständiger Bewegung. Man denkt unweigerlich an Wittgensteins Aperçu: was gezeigt werden könne, lasse sich nicht in Worte fassen.
Die Einbildungskraft als “Otherness”, als die Alterität, die wir in unseren eigenen Köpfen herumtragen, ist im Grunde ein persönlicher Sinn für das Andere, welches ,wie Coleridge einmal gesagt hat, intuitiv gedeutet wird. Die Metaphern von Licht und Schatten sind die gewohnten vermittelnden Formen, in denen sie zum Ausdruck kommen, und sie bieten oft ein alternatives Verständnis für Realität. Die verschiedensten Be- griffe von Dunkelheit und Schatten ? ein doppeltes Wortspiel mit der Idee und Bedeutung von dunkler Materie (einem astronomischen Phänomen und zugleich einer unsichtbaren Form von Bedeutung) durchwandern die Ausstellung “Hypernatural”. Ihre buchstäbliche Deutung erfährt sie in Dennis Feddersens schwarzer Skulptur “Dark Passenger”: ein Werk, das von einem ähnlichen Sinn für jene natürlich-übernatürliche Einstellung getragen wird. Der Titel verweist auf einen populären Film, in dem ein unabhängiger Agent oder eine Kraft den Körper eines anderen bewohnt; doch zugleich lässt sich “Dark Passenger” als der lebendige Weggefährte deuten, den wir in unserer Einbildungskraft mit uns führen. In dieser Hinsicht ist das “Hypernatürliche” in Müller-Klugs Ausstellung eher etwas, was jedem menschlichen Geist innewohnt. Kurz: Es ist der gesteigerte Zustand eines kreativen Lebens, der schließlich eben auch unser großes Gespür für die imaginierte Realität ausmacht.
Mark Gisbourne war Tutor am Courtauld Institute of Art (University of London) und Dozent an der Slade School of Fine Art (University College, University of London). Später war er Dozent für Kunst nach 1945 und zeitgenössische Kunst am Sotheby’s Institute (University of London). Er ist ehemaliger Präsident der britischen und Vizepräsident der gesamten Association Internationale des Critiques d’Art (AICA). Gisbourne ist ebenfalls ein weitweit agierender Kurator und Autor, der ein halbes Dutzend Bücher und zahllose Ausstellungskataloge publiziert hat. Er arbeitet und lebt in Berlin.
HYPERNATURAL – Die von Florian Müller-Klug kuratierte Ausstellung “Hypernatural” findet statt in der Invalidenstr. 50-51, 10557 Berlin-Mitte, Map: E 14
Opening: 30. 4., 17h, 1. + 2.5., 12-20h
Beteiligte Künstler | Participating artists: Olivia Berckemeyer, Armin Boehm, Stefanie Bühler, Jonas Burgert, Björn Dahlem, Birgit Dieker, Uros Djurovic, Dennis Feddersen, Fabian Fobbe, Axel Geis, Andreas Golder, Amélie Grözinger, Philip Grözinger, Uwe Henneken, Gregor Hildebrandt, John Isaacs, Lisa Junghans, Alicja Kwade, Edmund Piper, Jovana Popic, Bernd Ribbeck, Sebastiann Schlicher, Jorinde Voigt, Herbert Volkmann.