Ferne Blüte
Jörk Rothamel
Die Kunst blühte in Erfurt mehrfach, aber die Pausen zwischen diesen erfreulichen Begebenheiten zogen sich in die Länge. Im Mittelalter versorgten Erfurts Waidproduzenten Europa mit lokalem Indigo-Ersatz und ließen sich ihr Produkt prächtig bezahlen. Sie bauten solide Häuser und errichteten zahlreiche Kirchen mit prachtvollen Altären und Glasmalereien.
Nach der Entdeckung des Seeweges nach Indien versiegte ihre schöne Quelle – und Erfurt fiel in Dornröschenschlaf. Für die Stadt ein Glück, wie sich später erwies. Die Alliierten schickten ihre Bomber an wichtigere Adressen. Erfurts Bausubstanz blieb weitgehend erhalten, und heute zieht die adrett reno-vierte Altstadt hunderttausende Touristen jährlich an.
Die zweite Kunstblüte ermöglichte im frühen zwanzig-sten Jahrhundert der erfolgreiche Schuhfabrikant Alfred Hess. Er trug die wohl kostbarste je existente Kollektion expressionistischer Kunst zusammen, teils für seine Privatsammlung, teils für das Erfurter Angermuseum. Beide Sammlungsteile sollten durch eine Schenkung zusammengeführt werden. Doch es kam anders. 1931 starb Hess, 1937 lösten die Nazis die moderne Sammlung des Museums auf. Erhalten blieben nur die 1922–24 von Erich Heckel erschaffenen „Lebensstufen“ im Angermuseum, die heute als die wichtigsten existenten Wandmalereien des deutschen Expressionismus gelten. Kaum ein junger Erfurter hat den Heckelraum je gesehen, denn im vergangenen Jahrzehnt blieb das Museum aufgrund seiner maroden Bausubstanz meist geschlossen. Im Juni eröffnete es wieder, runderneuert, mit neuen Depots, frisch sanierten Ausstellungsflächen und einigen baukünstlerischen Details, die nicht nur dem streitbaren Direktor des Hauses, Wolfram Morath-Vogel, fragwürdig erscheinen. Dennoch ist der Mythos nicht totzukriegen. Selbst während der Schließzeit konnte der umtriebige Förderverein „Freunde des Angermuseums“ ein stetiges Wachstum seiner ohnehin stattlichen Mitgliederzahl verzeichnen.
Seit 1979 besitzt Erfurt eine Kunsthalle, die von Anfang an ein internationales Programm verfolgte. Ihr derzeitiger Direktor Kai Uwe Schierz kuratiert, produziert, tauscht und schreckt diverse Wettbewerber aus ihrem musealen Trott. Eines seiner Husarenstücke hieß „Die andere Leipziger Schule – Fotografie aus der DDR“ und wurde um die Jahreswende zum Pflichttermin für alle Fotointeressierten. Mit zahlreichen Publikationen und Vorträgen erwarb er sich den Ruf eines der führenden deutschen Spezialisten für zeitgenössische Kunst. Zweimal wöchentlich führt Schierz selbst durchs Haus, und dieser Rundgang ist außerordentlich populär.
Junge bildende Künstler sehen in Erfurt dennoch kaum Perspektiven. Lokale Sammler sind rar, die öffentliche Förderung ist schütter und planlos, und der Weg zum überregionalen Kunstmarkt führt durchs Nadelöhr der einzigen ortsansässigen Galerie. Die junge Szene lässt sich aber nicht entmutigen, ist gut vernetzt, findet sich immer wieder zu originellen Projekten zusammen und mobilisiert ihr Publikum. Leerstehende Verwaltungsgebäude, Läden und Abrisshäuser werden zu wechselnden Hotspots. Wer es indes ernst meint, Kunst studieren oder gar von ihr leben möchte, verlässt die Stadt. Ein Musterschicksal liefert der außerordentlich aussichtsreiche Maler und Zeichner Wieland Payer, der an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein studierte und am Royal College London einen Masterkurs absolviert.
Bedeutendster aus Erfurt stammender Künstler ist Hans-Christian Schink. Seit seiner Solopräsentation „Verkehrsprojekte“ im Gropiusbau 2004 und zahl-reichen Museumsausstellungenen zählt Schink zu Deutschlands wichtigsten Fotografen. Für seine konzeptuellen Aufnahmen der Serie „1 h“ erhielt er 2008 den Real Photography Award. Prominent ist auch Michael Triegel, den Sammler figurativer Malerei, virtuoser Zeichnungen und feinster Drucke schon seit anderthalb Jahrzehnten kennen. Kürzlich beauftragte Papst Benedikt XVI. ihn mit seinem offiziellen Porträt. Beide Künstler sind schon lange weggezogen. Erfurts Potenziale erblühen – bis auf Weiteres – auswärts.
Angermuseum Erfurt, Anger 18, 99084 Erfurt
bis 3.10.: Natalja Gontscharowa – Zwischen russischer Tradition und europäischer Moderne
www.angermuseum.de
Kunsthalle Erfurt, Haus zum Roten Ochsen
Fischmarkt 7, 99084 Erfurt
bis 11.7.: Liselotte Strelow: Porträts – Fotografien
Cony Theis: See me (3) – Malerei, Zeichnungen, Fotografien, Video
18. 7.–29.8.: Bettina van Haaren: Partikel und Membranen – Malerei, Zeichnungen, Druckgrafik
22.7.–29.8.: Chris Kremberg: Nackt/Pur – Fotografien
Di–So 11–18h, Do 11–22h, Feiertag 11–18h, Eintritt: 3 €, erm. 1,50 €
www.kunsthalle-erfurt.de
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Impulsregion Erfurt-Weimar
Dirk Teschner
Erfurt, die Landeshauptstadt Thüringens mit 200.000 Einwohnern besitzt einen erhaltenen mittelalterlichen Stadtkern mit Dom, 25 Kirchen und drei Synagogen. Mit der Krämerbrücke die längste komplett bebaute und bewohnte Brücke Europas. Erfurt hat eine Universität, eine Oper, einen Flughafen, IKEA, KI.KA. und Born-Senf.
Und sonst: eine hohe Abwanderungsrate von Jugendlichen, viele Touristenbusse voller Rentner, wenige Freiräume für eine junge, kreative Kunstszene.
Orte für zeitgenössische Kunst sind die Kunsthalle, mit wechselnden Ausstellungen zur klassischen Moderne und Gegenwartskunst; das Forum Konkreter Kunst in der Peterskirche, eine Plattform für Präsentation und Diskussion der Konstruktiv-Konkreten Kunst mit Arbeiten von 120 Künstler aus 15 Ländern. Und mit dem Kunsthaus Erfurt und Rothamel zwei Galerien zeitgenössischer Kunst, die sich über die Thüringer Landesgrenzen hinaus einen Namen machten.
Aber es geht mehr. Seit anderthalb Jahren bläst ein neuer frischer Wind: Künstler, Kuratoren, DJs, Akademiker, Studenten, Musiker und Streetart-Aktivisten vernetzen sich. In Erfurt gründete sich der Klub 500, ein Zusammenschluss zur Unterstützung für zeitgenössische Kunst und Kultur. Langsam findet ein Umdenken in der Stadtverwaltung statt, ein neues Kulturkonzept für Erfurt wird diskutiert und es wurde die Stelle eines Koordinators für die freie Kunst- und Kulturszene bei der Stadtverwaltung geschaffen.
Seit einem Jahr gibt es mit der Galerie 7A versenkt, unterstützt vom Musiklabel Zughafen (Clueso), einen Raum für Gruppenausstellungen, Performances und Musik. Dieser Galerieladen in einem maroden Haus steht für die junge Kunstszene im Umfeld von Streetart, Typografie, Kunstakademie und Aktionskunst.
Mit der Kunstlawine, below the line und der Armella Show hat das Kunsthaus Erfurt für ein Jahr das leerstehende, alte Innenministerium zum Leben erweckt. Bei der Kunstlawine konnten vor allem junge Künstler aus Erfurt, Leipzig und Weimar ihre Arbeiten zeigen. Ein wichtiges Anliegen ist die Zusammenarbeit mit der Bauhaus-Universität, den Künstlern und Galerien aus Weimar zu intensivieren. Die Entfernung zu Weimar ist gering, der Zwist, der beide Städte trennt, ewig alt. Weimar ist mehr als Goethe und Schiller, mehr als ein Durchlauferhitzer für Kunststudenten. Manche bleiben nach dem Studium in der Stadt. Die Bauhaus-Universität unterhält im Neuen Museum mit den Räumen „Marke 6“ einen festen Ausstellungsort. Die aktuelle Ausstellung „Your True Color“ präsentiert junge Künstler im Umfeld des Fotomagazins „Loom“. Vor allem im Bereich Fotografie hat sich eine eigene Weimar-typische Handschrift entwickelt. Die Galerie ACC gibt es seit nunmehr über 20 Jahren, sie fällt durch ein ambitioniertes Programm thematischer Ausstellungen mit internationalen Künstlern auf. Mit der Galerie Eigenheim entstand vor drei Jahren ein neuer Ausstellungs- und Projektraum ehemaliger Studenten, der jungen Künstlern aus Weimar eine Plattform bietet und internationale Netzwerke knüpft.
Galerie 7A
Johannesstraße 7a, 99084 Erfurt
www.7a-versenkt.de
Forum Konkrete Kunst
Peterskirche auf dem Petersberg, 99084 Erfurt
Mi-So 10-18 h, www.forum-konkrete-kunst-erfurt.de
bis 19.9. Gertrud Maria Viegener „Cyanmagenta Neutraltinte“
bis 10.10. Dietmar Pfister „Visuelle Poesie“
Galerie Rothamel
Kleine Arche 1a, 99084 Erfurt
Do-Sa 15-20 h, www.rothamel.de
bis 25.9. Moritz Götze „sweet sweetsweet“
Kunsthalle Erfurt
Fischmarkt 7, 99084 Erfurt
Di-So 11-18 h, www.kunsthalle-erfurt.de
bis 31.10. Walter Bergmoser und Ville Lenkkeri „Im Doppelpack“