Uta Baier
Der Hammer ist weg. Dabei heißt es doch: „Unter den Hammer kommen“, und auch der „Hammerpreis“ existiert nicht nur in der Umgangssprache. Viele Auktionatoren holen ihren Hammer allerdings nur noch aus Nostalgiegründen hervor, oder wenn das Fernsehen kommt. Auktionator Uwe Jourdan, der das Auktionshaus Nagel in Stuttgart seit 2005 als Geschäftsführer leitet, zeigt mit einer Hand auf die Bieter, mit der anderen tippt er die Zuschläge in den Computer ein. Da bleibt keine Hand frei für den guten alten Hammer. Auch beim Auktionshaus Neumeister in München, wo Geschäftsführerin Katrin Stoll am Pult sitzt, kommt kein Hammer zum Einsatz. Stoll zeigt mit dem Stift auf die Bieter und fühlt sich ein wenig wie eine Dirigentin. „Beim Versteigern geht es auch um eine nonverbale, feinsinnige Kommunikation mit dem Publikum“, sagt Stoll, die ihre erste Auktion bereits mit 22 Jahren leitete. Später übernahm sie das Auktionshaus von ihrem Vater und ermutigte Mitarbeiterinnen dazu, Auktionatorinnen zu werden – ganz ohne Frauenquote. Jetzt versteigern vier Frauen bei Neumeister. „Es wäre zu langweilig, wenn die Kunden immer nur mich sehen. Das Publikum braucht Abwechslung, andere Typen, so bleibt das Spannungsniveau erhalten“, sagt Stoll.
Der Kunsthandel wird gern als dichtes Geflecht von Finanzinteressen beschrieben. Das ist nicht falsch, denn viele wollen mitverdienen am Kunstverkauf. Und Auktionshäuser bekommen ziemlich viel ab. Das Londoner Auktionshaus Christie’s nahm nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr 3,84 Milliarden Euro ein – das ist Weltspitze. Offenbar interessieren Krisen und Konjunkturflauten Kunstkäufer weniger als oft befürchtet. Auch die deutschen Auktionshäuser steigerten 2010 ihre Umsätze: Ketterer in München setzte 26 Millionen, Nagel in Stuttgart 33,1 Millionen, Lempertz in Köln 49 Millionen Euro um. Da war die Angst vor leeren Auktionssälen und unverkauften Meisterwerken, die einige Monate zuvor noch beschworen wurde, schnell wieder vergessen.
Das Auf und Ab der Stimmungen gehört offenbar zum Auktionsgeschäft wie mittlerweile auch das Internet, vor dem sich die Auktionshäuser einst so sehr fürchteten. Doch letztendlich hat das Internet die klassische Kunstauktion nur um einen Handlungsraum erweitert. Wer nicht zur Auktion kommt, bietet nun am Telefon mit oder übers Internet. Bei Christie’s beispielsweise wurden in den vergangenen zwölf Monaten rund 28 % der Gebote übers Internet abgegeben; Bedrohung sieht anders aus. Natürlich wird so manches Objekt niemals den Weg in ein Auktionshaus finden – etwa jener Silberbecher, der in einer Internetauktion als Erbstück eines Onkels angepriesen wurde, der im Zweiten Weltkrieg die Wohnungen Pariser Juden plünderte und den Silberbecher „im allgemeinen Durcheinander“ mitnahm. Immer wieder, so berichten Rechtsanwälte und Kunstrechercheure, gibt es bei Internetauktionen ähnliche Angebote. Und immer wieder werden solche Stücke auch verkauft, obwohl ein Nicht-Eigentümer damit etwas veräußert, an dem der Käufer rechtlich niemals Eigentum erwerben kann. Auch aus Gründen der Sicherheit vertrauen viele Käufer deshalb auf die Seriosität der Auktionshäuser und ihrer Spezialisten, von denen sie annehmen, dass sie die Ware und ihre Herkunft prüfen. Vor allem in den vergangenen zehn Jahren geschieht das in der Tat immer sorgfältiger – wenn auch zum Teil gezwungenermaßen. Denn seit sich Deutschland 1998 verpflichtet hat, jüdischen Besitz, der in der Nazizeit geraubt wurde, den rechtmäßigen Eigentümern zurückzugeben, haben viele Rechercheure Werke aufgespürt, die den Verkäufern nicht gehören. Und wenn es doch in einem Auktionskatalog angeboten wird, ist ein Anwalt oft nicht weit und das Auktionshaus blamiert. Deshalb gewann die Provenienzforschung auch für die Auktionshäuser an existenzieller Bedeutung.
Während Auktionatorin Katrin Stoll die Käufer dirigiert, verhandelt Kristina Erlemann mit Bietern, die für sie während der Auktion nur Telefonnummern und Telefonstimmen haben. Die Öffentlichkeitsarbeiterin des Auktionshauses VAN HAM in Köln kümmert sich seit vier Jahren während der Auktionen um Telefonbieter. Die warten oft schon auf den Anruf. Die meisten sind nur wenig aufgeregt, kommen aus Zeitgründen nicht selbst zur Auktion oder wollen anonym bleiben. Dass bekannt wird, wer ein Kunstwerk ersteigert hat, ist sowieso eher ungewöhnlich. Vor allem wenn es um hohe Summen geht, ist der anonyme Käufer der Normalfall.
Wo viel Geld ausgegeben und verdient wird, gibt es auch viele Kritiker. Vor allem, dass der Wert eines Künstlers und seines Werkes in einer einmaligen Transaktion bestimmt wird, ist Anlass für Kritik. „Nicht die meisten Stimmen, sondern das meiste Geld bestimmt, wie teuer ein Kunstwerk wird – und das ist oft eine höchst individuelle Entscheidung“, schreibt z. B. Piroschka Dossi in ihrem kritischen, faktenreichen Buch „Hype! Kunst und Geld“. Auguste Renoir sah das anders: „Machen Sie sich klar, dass es nur einen einzigen Ort gibt, wo sich der Wert der Bilder erkennen lässt, und das ist der Auktionssaal.“ Fakt ist: Kunst ist eine Ware und auf Auktionen wird ihr Handelswert bestimmt. Und der hängt nicht allein von der Wertschätzung des Künstlers durch einzelne Fachleute ab, sondern davon, wie viele seiner Werke gehandelt werden, wie oft und wo sie ausgestellt werden und wie viel Käufer in der Vergangenheit bereit waren, für andere Werke des Künstlers zu zahlen. Kunst war und ist und bleibt ein Handels-, Luxus- und Spekulationsgut. Die einzigen Großsammler, die sich Kunst nur noch selten leisten können, sind die Museen. Denn deren Etats geben allzu wenig Spielraum für heiße Bietergefechte. Doch es gibt einen Trost: „Letztendlich“, so Christoph Becker, Direktor des Kunsthauses Zürich, „kommt doch alles ins Museum.“ Und bleibt auch dort, weshalb die Museumspforte aus Kunstmarktsicht gern als Sargdeckel bezeichnet wird.