
Marc Dions Installation in der Koje der GFLK auf diesjährigen ART COLOGNE. Foto: Daniel Maier-Reimer
1. Raus aus der Galerie
Die Tür steht offen. Mark Dions bühnenbildartiges Installationskonstrukt, das Herzstück der Koje der Galerie für Landschaftskunst (GFLK) auf der ART COLOGNE, weckt den Entdeckergeist. Man will reingehen und schauen, womit sich das auf dem Türschild ausgewiesene „GFLK Mapping Department“ beschäftigt. Schnell wird klar, dass eine Aufforderung zum Rausgehen hinter der offenen Tür steckt. Die Galerie gliedert ihre Aktivitäten in verschiedene Themenbereiche. Mark Dion sollte einen Eingangsbereich für die „Kartierungsabteilung“ entwerfen. Er konstruierte eine hüfthoch holzgetäfelte, mit einer Weltkarte tapezierte Bürotrennwand inklusive funktionaler Tür. Sieben an der Wand angebrachte Uhren spielen auf die aus internationalen Städten bekannten „New York, Tokyo, Rom…“-Zeitanzeigen an, doch Dion wählte ntlegenere Ortszeiten, die einen Bezug zu Personen herstellen, mit denen die Galerie zusammenarbeitet.
Die Galerie ging einst aus einem Künstlerprojektraum hervor und widmet sich der Verortung bzw. Kartografie. Viele künstlerische Interventionen finden außerhalb der Stadt statt – abwechslungsreich, charmant und witzig. Klara Hobzas plant beispielsweise, von der Nordsee durch Europa ins Schwarze Meer zu tauchen, und hat sich als erste Etappe die Strecke Köln-Bonn vorgenommen. Deswegen hat sie die dafür benötigte Menge an Taucherflaschen zu einer Pyramide aufgetürmt und ein Video aufgenommen, das sie beim Tauch-Training zeigt.
Mit „Peripherie“ hat die GFLK im Jahr 2007 eine Ausstellungsreihe veranstaltet, die nicht in der Galerie, sondern draußen stattfinden sollte. „Wir wollten die Kunst aus dem White Cube rausholen“, erklärt Florian Hüttner von der Galerie für Landschaftskunst. Die Galerie bat Künstler, einen Ort explizit außerhalb der Stadtgrenze für ihr Projekt (oder besser: Aktion) zu suchen. Während der Ausstellung fand der Besucher in der Hamburger Galerie dann lediglich einen Zettel mit dem Hinweis „Die Galerie ist geschlossen. Die Ausstellung findet außerhalb statt“ sowie eine Wegskizze zum Aufführungsort. Einige Projekte der „Peripherie“-Reihe erinnern stark an happeningartige, einmalige orts- und zeitgebundene Aktionen: Florian Hüttner ließ drei geschminkte Clowns 2 km auf einer Straße hin- und herlaufen. Einer im Auto, einer auf dem Rad, einer zu Fuß, um die Wahrnehmung unterschiedlicher Geschwindigkeiten bewusst zu machen. Mark Wehrmann realisierte ein tableau vivant zusammen mit Malte Struck, mit dem er sonst Performances als Heavy-Metal-Band aufführt. Die beiden stellten sich eine Stunde lang in den Wald, diesmal mit Axt statt mit Gitarre, und bewegten sich nicht. Mucksmäuschenstill.
Obwohl man bei den Projekten der Galerie für Landschaftskunst nicht um einen Bezug zur Land- Art herumkommt und die Initiatoren zugeben, sich auf Land-Art-Projekte von Michael Heizer (“It´s not about the landscape, it´s about art!”) aus dem Jahr 1969 zu beziehen, sagt Florian Hüttner ganz deutlich: „Land-Art ist vorbei. Wir sind nicht mehr in den 1970er-Jahren, die Zeiten haben sich geändert.“ Die Künstler der Galerie sehen sich eher in der Konzeptkunst und der Malerei verortet. Die GFLK definiert sich nicht über den White Cube, sondern macht Ausstellungen, die den Galerieraum verlassen.

Was keinen Platz im Springhornhof findet, landet in Dragset & Elmgreens „Park für unerwünschte Skulpturen“, 2003. Foto: Stefan Exler, Hamburg
2. Raus in den Park
Weil Platz in den USA keine Rolle spielt, mag Land- Art dort verbreiteter sein als hierzulande. Aber auch in Deutschland werden durch Veränderungen der Landschaftsstruktur Kunstwerke geschaffen. Der Kunstverein „Springhornhof“ sinnt auf das schleichende Ineinanderübergehen von Natur und Kunst. Landschaftsbezogen fügen sich die Werke in die Lüneburger Heide ein. In den Anfangsjahren nach 1970 waren es meist Objekte aus Naturmaterialien, inzwischen sind auch Klangskulpturen in die Landschaft verwoben. Dragset & Elmgreen haben 2003 den „Park für unerwünschte Skulpturen“ entworfen, um Arbeiten, die partout keinen geeigneten Platz finden wollen, sanft entsorgen und innerhalb des weißen Holzgitterzauns doch noch Teil der Inszenierung werden zu lassen. Von Tony Cragg stammt der „Holzkristall“ (2000). Holz? Back to nature? Von wegen: Tony Cragg hat auf industriell gefertigten Holzwerkstoff zurückgegriffen. Die gezwirbelte Form des Kristalls lädt zum Drumherumgehen ein. Schließlich kann eine Skulptur ihre Wirkung nur dann vollständig entfalten, wenn sie dreidimensional wahrgenommen wird. Mit jedem Schritt ändert sich der eigene Blickwinkel und damit die Form der Skulptur – nicht zu toppen ist in narrativer Hinsicht der „master of storytelling“ Lorenzo Bernini mit seinem Barocktraum „Apollo und Daphne“. An Craggs Holzkristall fasziniert zwar weniger eine minutiös nachgestaltete Ovid´sche Metamorphose als vielmehr die nach Ansicht von Lewis Biggs vom Künstler aufs Material übertragene „Energiewelle“.
Outdoor-Kunst gibt es auch in wesentlich strenger konzipierter Form: Im Skulpturenpark. Florian Slotawa hat das aus Kindertagen bekannte, schnell Ordnung schaffende Orgelpfeifenprinzip auf die Objekte des Kölner Skulpturenparks übertragen und auf diese Weise die „Kölner Reihe“ generiert, die ab Mitte Mai bei „Köln Skulptur #6“ zu sehen ist. Slotawa hat sich dafür die Wahrzeichen des Skulpturenparks herausgepickt.

Könnte seine Wirkung im White Cube nie so effektvoll entfalten wie draußen in der Natur: Valerij Bugrov: „Himmel und Erde“, 1991, Foto: Springhornhof
3. Rein in den Verein
Vernetzen leicht gemacht: Wer sich für Skulptur im Allgemeinen und solche im Außenraum im Besonderen interessiert, der findet bei sculpture network Gleichgesinnte. Die Interessengemeinschaft auf privater Basis bringt Galeristen, Künstler, Skulpturenparkdirektoren, Sammler, Besucher und Kuratoren zusammen – europaweit. sculpture network betreibt gewissermaßen Lobbyarbeit für die Skulptur. Denn im Gesamtkunstmarkt macht der Skulpturenbereich laut Vorstandsvorsitzendem Ralf Kirberg nur ca. 5 bis 8 Prozent aus – höhere Transportkosten, ein höherer Flächenaufwand und eine möglicherweise schwerere Zugänglichkeit mögen dafür verantwortlich sein.
sculpture network will diese Situation ändern. Zum einen versucht der Verein, die Arbeitsbedingungen der Künstler zu verbessern, sie untereinander, aber auch mit Dienstleistern zu vernetzen. Der Blick ins Mitgliederregister erweckt aufgrund der (im Verhältnis zu anderen Mitgliedern) überproportional zahlreich vertretenen Künstler den Anschein, man habe es mit einer Vereinigung von Künstlern für Künstler zu tun. Der Eindruck trügt.
Das zweite Hauptaufgabenfeld der aus Mitgliedsbeiträgen finanzierten Organisation ist die Öffentlichkeitsarbeit. Jährlich wird ein Symposion mit hochkarätigen Sprechern veranstaltet. In diesem November diskutieren beispielsweise der Künstler Tony Cragg und Brigitte Franzen (Kuratorin der skulptur projekte münster 07) Fragen wie die, ob die Ära von Brancusi und Serra ein für allemal zu Ende ist. sculpture network macht sich die Supranationalität seiner Mitglieder zunutze: die Veranstaltungen finden jedes Mal an einem anderen Ort statt.
Im letzten Jahr gliederte sich eine Mitgliederausstellung an das Symposion in Turin an; 2006 lautete das Motto in Graz „Sculpture in Public Space“. Unter der Regie von Christopher Roman bewegten sich damals Tanzschüler improvisiert durch den österreichischen Skulpturenpark. Ralf Kirberg erklärt die Projektidee, die in Graz statische mit bewegter Skulptur zusammenbrachte: „Wir versuchen, neue Rezeptionsformen zu finden.“
Ob mit der Galerie, im Park oder mit dem Verein: Es lohnt sich, den White Cube zu verlassen.
Galerie für Landschaftskunst
Admiralitätsstr. 71 (Innenhof, 2. OG), 20459 Hamburg
Im Frühjahr 2011: Fortsetzung der Peripherie- Ausstellungsreihe mit Sylvia Henrich bis Mai: Michael Clegg & Martin Guttmann – Moment of Monuments
Skulpturenpark Köln
Eingang Riehler Straße, 50668 Köln
Opening Köln Skulptur #6: 15.5., 12h
tgl.: April–Sept. 10.30–19h, Okt.–März: 10.30–17h
Kunstverein & Stiftung Springhornhof
Tiefe Str. 4, 29643 Neuenkirchen
Di–So 14–18h, Eintritt: 2 €, erm. 1 €
sculpture network
10.–13.11.: X. Internationales Skulpturen-Forum in Bilbao “Sculpture Today. A Space for Inquiry – Experience Re- Codified“, u. a. mit Brigitte Franzen und Tony Cragg







Der amerikanische Künstler William Lamson ernennt den landschaftlichen wie auch den urbanen Raum zum Assistenten seiner Kunst und räumt beiden damit in seinen Videoarbeiten, Fotografien, Performances und Skulpturen eine zentrale Rolle ein.
Kritisch hinterfragt Pawel Althamer mit seinen Skulpturen, Performances und Videoinstallationen unsere gesellschaftlichen Strukturen. Dabei lenkt er unseren Blick auf scheinbar Banales: öffentliche Plätze oder den menschlichen Körper.






