Sammlergespräch: Antoine de Galbert

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My Paris – Collection Antoine de Galbert, Installationsansicht, 2011 © me Collectors Room Berlin, Foto: Jana Ebert

Antoine de Galbert (*1955), Erbe des Einzelhandelsunternehmens Carrefour, studierte Politikwissenschaften und führte eine Galerie in Grenoble, bis er schließlich eine eigene Kunststiftung und im Jahr 2004 in Paris den dazugehörigen Ausstellungsraum „la maison rouge – fondation antoine de galbert“ gründete. Die Bandbreite an Werken in der Sammlung de Galberts reicht von Skulpturen, Objekten und Installationen zahlreicher französischer Künstler über Volkskunst bis zu Werken der Art Brut und religiösen Objekten. Eine Auswahl seiner Collection ist nun Gast im me Collectors Room in Berlin.

Antoine de Galbert, Sie waren früher Galerist. Seit wann sammeln Sie?
Ich war sehr jung, als ich anfing, Kunst zu sammeln. Zuerst waren es einige alte Bücher und Comics. Das erste Gemälde stammte aus dem 19. Jahrhundert, da ich Romantik und Landschaften sehr mochte. Allmählich gelangte ich dann ins 20. Jahrhundert. Ich habe die 1960er-Jahre übersprungen und bin direkt in die 1980er-Jahre eingestiegen. Als ich 30 Jahre alt war, begann ich mit meiner Galerie.

Wie haben Sie sich das Wissen rund um die Kunst angeeignet?
Ich habe für mich alleine gelernt. Meine Galerie war wie eine kleine Welt für sich. Ich hatte viel Zeit zum Lesen, wir hatten weder Kunden noch Sammler. Ich versuchte, die Kunstgeschichte möglichst zu umgehen, und habe mich sofort für Outsider-Kunst interessiert, für Werke und Künstler, die nicht bestimmten Strömungen oder Kategorien zugeordnet sind. Wenn man jung ist, interessiert man sich automatisch für junge Künstler, die etablierten werden schon von renommierten Galerien vertreten. Ich reiste schnell sehr viel, und die Galeriearbeit begann mich zu langweilen. So stellte ich einen Assistenten ein und reiste weiter durch Europa und lernte stetig hinzu.

Heute besitzen Sie eine der größten Kunstsammlungen in Frankreich.
Es gibt noch zwei, drei andere sehr bedeutende Sammlungen. Doch in Frankreich stellt sich die Situation anders dar als z. B. in Deutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren fast alle Akteure der Kunstszene aus Frankreich emigriert. Im Gegensatz dazu gab es in Deutschland den Marshall-Plan, in dessen Rahmen viel Geld in den Kunstmarkt gepumpt wurde, sodass dieser sich relativ schnell wieder erholen konnte. In Frankreich lebt man als klassischer Sammler im 16. Arrondissement, hat eine schöne Wohnung, kann aber im Grunde nur Bilder an der Wand zeigen. Das hat auch die Art des Sammelns geprägt. Ein Sammler in Deutschland kauft dagegen eine leer stehende Fabrik oder baut sich ein großes Haus und lebt mit und in der Kunst. Dieser Aspekt verändert sich nun allmählich auch in Frankreich.

Céleste Boursier-Mougenot: From Here to Ear, 2009, Installation, unterschiedliche Maße © Ariane Michel

Sie haben in Paris eine Kunststiftung aufgebaut, die „maison rouge“. Welche Philosophie liegt diesem Engagement zugrunde?
Die Aktivitäten der „maison rouge“ finden getrennt von meiner Sammlung statt – meine Sammlung ist Privatsache, ein Geheimnis. „maison rouge“ ist eine Stiftung, kein Museum. Zahlreiche Stiftungen dienen nur der Sammlung des stiftenden Sammlers, das war jedoch nicht mein Anliegen. Ich wollte andere Sammler willkommen heißen. Für mich ist der Austausch wichtig, ich lerne von den unterschiedlichen Sammlern, die nicht den ewig-gleichen Jeff-Koons-Mainstream vertreten. Es kann aber auch sein, dass ich eine Sammlung überhaupt nicht mag.

Thomas Olbricht wird eine Auswahl seiner Sammlung in Paris präsentieren, und Sie zeigen einen Teil Ihrer Sammlung hier im me Collectors Room. Thomas, was ist das Besondere an der Sammlung von Antoine de Galbert?
Thomas Olbricht: Für mich war es von Anfang an wichtig, auch andere Sichtweisen wiederzugeben. Antoine hat hier Carte blanche gehabt. Die meisten Künstler und Kunstwerke kannte ich überhaupt nicht und war durchaus ein bisschen skeptisch. Als ich dann während des Aufbaus durch die Ausstellung ging und jeden Tag mit Antoine gesprochen habe, sind mir diese Dinge viel nähergekommen. Ich habe gemerkt, dass das, was ich intuitiv wollte, nämlich andere Sichtweisen hier zu präsentieren, auch für mich als Sammler sehr wichtig geworden ist.

Antoine de Galbert: Ich war sehr glücklich, dass es hier eine Wunderkammer gibt. Das war ein wichtiger Punkt, an den ich anknüpfen konnte. Ich mochte die Idee des Kabinetts, eines surrealistischen Kabinetts im Sinne André Bretons. Ich versuche, ein zeitgenössisches Kabinett zu erschaffen, während die Wunderkammer von Thomas sich auf die alte Form und Tradition dieser Sammlungspräsentation bezieht. Da ich aber hier in Berlin junge französische Positionen zeigen wollte, spiegelt die Ausstellung meine Sammlung nicht in vollem Umfang wider. Sie ist nicht nur auf junge französische Kunst ausgerichtet.

Gibt es den Reiz, durch das Kombinieren der Exponate eine Geschichte zu erzählen?
Es ist eine Haupteigenschaft des Sammlers, dass er die Kunstgeschichte neu erfindet. Ich erlaube mir, Dinge zu tun, die ein Kunsthistoriker in einer öffentlichen Institution nicht tun könnte. Als Privatsammler hat man die große Freiheit, Dinge, Objekte, Kunstwerke nebeneinanderzustellen, die in dieser Konstellation so im Museum nicht zu sehen sein würden.

Sie bezeichnen eine Sammlung als eine Art Selbstporträt.
Wenn eine Sammlung kein Selbstporträt ihres Urhebers ist, ist sie keine richtige Sammlung, sondern lediglich eine Ansammlung von Dollars.

Sie vergleichen das Sammeln mit dem Streben nach einer Utopie.
Sammeln gleicht einer Utopie, weil man immer weiter anhäufen kann. Sammler sind sehr komplexe Persönlichkeiten. Man kauft, um sich Sicherheit zu geben. Im Sammeln werden wir alt und kommen dem Tod näher (lacht). Vernünftig wäre es, nicht zu sammeln, doch ich kann nicht anders. Sammeln ist fatal. Wenn wir über Sammler sprechen, haben wir einen glücklichen, reichen, von schönen Mädchen umschwärmten Menschen vor unserem inneren Auge. Doch nein: Das Leben eines Sammlers gleicht einem Drama. Ich wünschte, ich könnte damit aufhören, aber es ist unmöglich.

Verstehen Sie Ihr Erbe als Verpflichtung? Haben Sie aus diesem Grunde die „maison rouge“ ins Leben gerufen?
Ich sehe es nicht als Verpflichtung. Als junger Mensch war ich politisch sehr aktiv. So kommen vielleicht finanzielle Mittel und reformerische Ideen zusammen.

Die Geräusche, die wir in der Ausstellung hören, stammen von den Zebrafinken, die in einer der Installationen auf Gitarrensaiten landen und sitzen. Ersetzen Sie die Vögel jedes Mal, wenn die Installation von Neuem gezeigt wird?
Diese Installation wurde sowohl in Frankreich als auch in anderen Ländern oft gezeigt. Sie ist kein Unikat, jedes Werk ist unterschiedlich. Sie könnten es auch erwerben. Frankreich besitzt eines, das Centre Pompidou, die FNAC und Agnès B. ebenfalls. Es ist für den Künstler Céleste Boursier-Mougenot dennoch problematisch, da dieses Werk sich schwer verkaufen lässt. So unterstütze ich ihn hier, indem ich sein Werk ausstelle. Doch nach der Ausstellung werde ich die drei Gitarren behalten.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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