Schrankenlose Freiheit für Hannah Höch

Hannah Höch, 1926

Der Dadaismus und Expressionismus des frühen 20.Jahrhundert wurden hauptsächlich von Männern dominiert. Nur einen Frauennamen verbindet man heutzutage mit der in Zürich entstandenen Kunstrichtung: Hannah Höch. Unter dem Titel „Schrankenlose Freiheit für Hannah Höch“ hat Cara Schweitzer sich dem von vielen Höhen und Tiefen gezeichneten Leben einer außergewöhnlichen Künstlerin angenommen.

Wer war diese Hannah Höch, die 1889 im beschaulichen Gotha geboren wurde und 1978 vereinsamt in Berlin-Heiligensee verstarb? Und wie bringt man ein so umfangreiches Leben erfolgreich und anschaulich zwischen zwei Buchdeckel? Schweitzer hat sich dafür entschieden, Leben und Werk der Künstlerin in chronologischer Reihenfolge aufzuschreiben. So bekommt der Leser die Möglichkeit, fast jeden einzelnen Tag – den die Autorin aus zahllosen Briefen und Tagebüchern rekonstruierte – im Leben von Hannah Höch nach zu verfolgen.

Kunstwelt = Männersache?

Nicht leicht war es für Hannah Höch, sich Anerkennung in der noch immer hauptsächlich männlich dominierten Kunstwelt zu verschaffen oder ihre Arbeiten an Käufer zu vermitteln. Dennoch – auch wenn das Geld mal wieder knapp wurde – hielt Höch an ihrer Leidenschaft für die Kunst fest, indem sie unzählige Collagen, Malereien und Skulpturen entwarf. In der gegen Ende des ersten Weltkriegs in Zürich formierten Gruppierung der Dadaisten mischte Höch kräftig mit, fertigte unzählige „Klebebilder“, in denen ihre Kritik an Gesellschaft und hiesiger Politik offen zu Tage trat.

Nicht immer stieß sie damit auf Gegenliebe: So wurden ihre Werke unter der Herrschaft der Nationalsozialisten durch einen Kritiker als wertlos bezeichnet, welches der Künstlerin das ohnehin schon kraftraubende Durchsetzen auf dem Kunstmarkt noch stärker erschwerte. Während des NS-Regimes lebte Höch deshalb zurückgezogen in ihrem kleinen Häuschen in Berlin-Heiligensee und wurde nur in kleinem Umfang künstlerisch tätig. Ihre Bilder aus dieser Zeit zeigen liebliche Wald- und Seenlandschaften, die als unverfänglich galten.

Blümchenbilder zur Tarnung

Eine lebensnotwendige Anpassung, die Höch zu anderen Zeiten selten gesucht hatte: Nachdem ihre erste längere Beziehung zu Raoul Hausmann nach sieben Jahren gescheitert war, lebte sie mehrere Jahre in einer lesbischen Beziehung mit Til Brugman, einer Künstlerin und Autorin aus Holland. Nur kurze Zeit nach der Trennung heiratete sie Kurt Heinz Matthies, einen 21 Jahre jüngeren Vertreter, vorbestraft aufgrund exhibitionistischer Handlungen. Höch akzeptiert diese Umstände. Als Matthies aufgrund erneuter sexueller Handlungen in der Öffentlichkeit verhaftet wird, setzt sie sich mit aller Kraft für seine Freilassung ein – auch wenn dies bedeutet, vor den Akteuren des Nationalsozialismus kleinlaut zu Kreuze kriechen zu müssen.

Das Leben der Hannah Höch ist nicht exzeptionell, vergleicht man es mit den Biographien anderer Künstler ihrer Generation. Weder Exil noch Berufsverbot noch einschneidende Mängel im Alltag während der beiden Weltkriege hatte die Künstlerin zu erleiden, Kreativität und Kunst haben auch die dunkelsten Zeiten wohlbehalten überstanden. Und dennoch fasziniert die Lebensgeschichte der frühen Dadaistin: Eine Frau, die sich mit aller Kraft einen Platz in der Kunstwelt zu erkämpfen versucht, wirkliche Anerkennung aber erst kurz vor ihrem Tod erfährt.

Cara Schweitzer, Schrankenlose Freiheit für Hannah Höch. Carl Osburg Verlag, 2011. 439 Seiten, 26,90 Euro. ISBN 978-3940731647. Bei Amazon bestellen

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