Spencer Tunick – The Naked Sea Project, Israel 2011

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Spencer Tunick Installation documentation photograph by Justin Jay

Text: Nicole Moses, Jennifer Becker

3 Uhr nachts, Licht an, duschen, anziehen, los. Es ist Sabbat, der Fahrstuhl hält heute in jeder Etage, koschere Kühlschränke laufen nonstop. Mit Lunchpaket vor das Hotel. Draußen sind es 29°C. Noch schnell eine rauchen mit den Kollegen. Dann hinein in den klimatisierten Bus. Die Fahrt geht durch menschenleere Straßen zwischen Hotelburgen und dann hinaus in die Dunkelheit der Küstenstraße. Keiner von uns „Press Guys“ weiß, wohin die Reise genau geht.

Am Ortsausgang ein Monument. Drei Säulen lenken den Blick zum gegenüberliegenden Ufer – auf eine feine Kette von Straßenlaternen in der Nacht. Dort lagen einst Sodom und Gomorra, Städte deren Vernichtung biblische Geschichte ist: Selbst die Unschuldigen erstarrten zu Salzsäulen, als sie zum Ort der Sünde zurückblickten, auf den Gott zur Strafe einst Schwefel fallen ließ.

Die hohen Berge der judäischen Wüste umgeben das inzwischen 450 m unter dem Meersspiegel der Ozeane liegende Tote Meer. Auf einem Hochplateau thront die Ruine der Palastanlagen von König Herodes. Ein Psychopath, der seine eigenen Kinder umbrachte aus Sorge, sie könnten ihm seinen Platz streitig machen. Seine wahren Feinde, die Römer, belagerten Jahre nach seinem Tod monatelang sein architektonisches Meisterwerk. Autark durch ein ausgeklügeltes System von Zisternen und Ackerbau überlebten die Bewohner der vom Feind umzingelten Festung.

Totenstille erwartete die Römer, als sie schließlich die Festung stürmten: 960 Männer, Frauen und Kinder hatten sich getötet, um den Römern nicht in die Hände zu fallen. Die Festung Masada (hebräisch: „Mezadá“ = „Festung“) gilt bis heute als Symbol des jüdischen Freiheitswillens. Einige Kilometer weiter in Qumran fand 1947 der Beduine Muhammed Edh-Dhib auf der Suche nach seiner Ziege die ältesten Bibelabschriften des jüdischen Volkes.

Spencer Tunick Installation documentation photograph by Justin Jay

Der Bus erreicht nach einer Stunde den hell erleuchteten Badeort Mineral. In Reihen passieren in dieser Nacht 1200 Menschen, angereist in 50 Reisebussen, den Eingang der Anlage, gehen hinunter zu der mineralstoffreichen Salzlake, bilden Grüppchen, lassen sich auf Plastikstühlen nieder und warten auf den Moment, an dem sich alle ausziehen werden.

„Es wird chaotisch, das zu kontrollieren …“
Wenige Stunden vor dem nächtlichen Transfer zur geheimen Location versuchte sich Spencer Tunick beim Abendessen mit der eingeladenen Presse den kommenden Morgen vorzustellen: „Viele Leute werden im Wasser sein, und es wird sehr chaotisch werden, das zu kontrollieren. Ich weiß zwar, was ich will, aber ich kann nicht sagen, ob ich Kompromisse werde machen müssen.“

„Ich laufe mit der Sonne um die Wette.“
Spencer Tunicks Installationen sind logistische Kraftakte. Vieles kann bis zuletzt schiefgehen. Diesmal waren enorme Distanzen für alle Teilnehmer zu überwinden, und es wurde mit Straßenblockaden von Gegnern unverhüllter Nacktheit gerechnet. Während des Shootings lenkt Tunick die Körperhaltung von tausend, zum Teil weit entfernten Menschen von einem Turm aus mit einem Megaphon – im Wettlauf mit den sich rasant ändernden Lichtverhältnissen.

Tunick arbeitet mit einer Crew von sieben Personen, dem Projektleiter Ari Fruchter aus Tel Aviv und 50 freiwilligen Helfern. Hinzu kommen zwei Filmemacher und ein Fotograf, die das Shooting dokumentieren.

Seine Arbeitsweise beschreibt er folgendermaßen: „Ich gebe den Menschen beim Shooting eine Aufgabe. Eine einzelne Pose und wieder raus aus dem Wasser reicht da nicht. Sie wollen, gleichsam einen Walzer tanzend, durch den Morgen getragen werden. Auf dem Rücken dahinfließende Menschen, ihre Köper aus dem Wasser aufrichtend, Köpfe nordwärts, Füße nach Süden, dann stehend, dann sich seitwärts wendend – alles lediglich eine Abfolge einfacher, harmonischer Positionen, die nicht schwer beizubehalten sind. Mir gefällt es, so zu arbeiten, als kontrollierte ich Treibholz mit meiner Stimme.“ (lacht)

Spencer Tunick Installation documentation photograph by Casey Kelbaugh

„Nicht lächeln, nicht spritzen und Bauch raus!“

Es dauert eine Weile, bis alle auf dem ölartigen Wasser liegen. Kleine Wellen treiben uns zusammen, der Fuß des Nachbarn berührt mein Ohr, das unter Wasser taub ist für die Anweisungen. Ich erschrecke, denn ein Flugzeug rast über mich hinweg und noch eines und noch eines, sogar ein unbemanntes ist dabei. Sind es Angreifer? Ohne jegliche Anzeichen von Panik sieht das Team dem Treiben zu. Ich versuche, entspannt zu bleiben und trotz des Motorenlärms die Anweisungen zu verstehen.

Wir sollen das Wasser verlassen, ich tauche auf, versuche die Beine wieder gegen den Boden zu drücken und schaue in den Himmel, um zu verhindern, dass Tropfen des hochkonzentrierten Salzwassers aus den Haaren in die Augen laufen und mich für die nächsten Minuten erblinden lassen. Durch einen Streifen dunklen Schlamms laufen wir den von Salzkristallen bedeckten Strand entlang zu einer Felsformation, die aus dem Meer ragt. Die Lücken zwischen den aus Körpern gebildeten Flächen werden geschlossen. Entlang der Wasserkante wird eine Reihe gebildet, die sich im Wasser spiegelt. Die Anweisung, die Arme zur Seite zu strecken, wird von den Teilnehmern unterschiedlich interpretiert.

Sekunde für Sekunde wird es heller. Der Salzfilm trocknet glänzend auf der Haut der Menschen. Sie erscheinen im goldenen Licht der aufgehenden Sonne wie ein Wald aus Statuen. Dann folgt der Befehl, sich umzudrehen. Wir sehen plötzlich, wie das rote Licht des Morgens die Hänge der uns umgebenden Berge aufscheinen lässt und erleben uns selbst als Tausende von Pinselstrichen davor. Ich empfinde mich als Staubkorn in der Menschheitsgeschichte, die ihrerseits nur ein Kapitel der Geschichte eines Planeten ist. Ich erkenne weiter oben am Hang die früheren Wasserstände des Meeres und erfasse die Geschwindigkeit, in der das Meer verschwindet.

Spencers Arbeiten haben einen starken Umwelt-Bezug. „Naked Sea“ steht für die dramatische Austrocknung des Toten Meeres. Den Wasserbedarf der Trinkwasserversorgung, Landwirtschaft und Mineralstoffe abbauenden Industrie Israels und Jordaniens quittiert der Salzsee mit einem jährlichen Pegelverlust von inzwischen einem Meter.

Spencer Tunick Installation documentation photograph by Casey Kelbaugh

Die höher gelegenen Bade-Anstalten wandern Jahr um Jahr dem sinkenden Wasserspiegel hinterher. In manchen werden die Badegäste mit Shuttles vom Parkplatz an die derzeitigen Strände gefahren – einzig die Luxushotels am südlichen Ende des Toten Meeres liegen noch direkt am Ufer. Für eine künstliche Anhebung des Meeresspiegels sorgen hier ein aufgeschütteter Damm und ein Pumpsystem. Quer durch die Wüste gelegte Pipelines liefern von weit her das Trinkwasser für die Touristen.

Zur Bedeutung von „Naked Sea“ im israelischen Kontext befragt, antwortet Tunick: „Wenn ich ein Kunstwerk mache, verknüpfen viele Leute eine Menge Positives damit. Ich liebe das! Neben dem ökologischen Aspekt tritt nun auch die Tatsache in den Vordergrund, dass es genau in diesem Land passiert. Israel drückt damit aus, Teil der demokratischen Welt und einer Sprache frei von Vorurteilen zu sein.“

Ari Fruchter, Tunicks Freund und Projektleiter, war anfangs sehr unsicher, ob Israel sich der nackten Kunst stellen würde. Das Thema wurde kontrovers in der Presse diskutiert. Ihm gelang es nicht nur sehr schnell, ein starkes Team zusammenzustellen, sondern über die Spendenplattform www.kickstart.com 116.000 US-Dollar für das Projekt zu sammeln – fast das Doppelte der ursprünglich angestrebten Summe.

Fruchter wollte Spencer helfen, die monumentale Arbeit in Israel zu realisieren, um damit eine breite Aufmerksamkeit für das Tote Meer und die mit ihm verbundenen Umweltprobleme zu gewinnen. Ihm war es sehr wichtig, dass das Projekt noch vor dem 11.11.2011 abgeschlossen werden konnte, um einen möglichst positiven Einfluss auf die Internet-Abstimmung für die „Neuen Sieben Weltwunder der Natur“ zu erzielen. Diese findet auf der Website new7wonders statt. Die ersehnte Ernennung des Toten Meeres zum „Weltwunder der Natur“ soll über 300.000 neue Touristen pro Jahr bringen, 12.000 neue Jobs und ein zusätzliches Budget von 75 Millionen US-Dollar für die Region.

Spencer Tunick (*1967 in Middletown, New York) erwarb den Bachelor of Arts 1988 am Emerson College. 1992 begann er, in den Straßen von New York nackte Menschen zu fotografieren, und erlangte damit in den USA Bekanntheit. Schon bald inszenierte er weltweit seine Installationen mit Tausenden von Freiwilligen. Er lebt und arbeitet derzeit in New York.

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