Stullen, Laken und Jauchefässer – Wirklichkeit gestern und heute

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Adolph Menzel: Ungemachtes Bett, um 1845

Adolph Menzel: Ungemachtes Bett, um 1845

© Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Jörg P. Anders
Abbildung erschienen in KUNST Magazin Ausgabe Juni 2010

Katharina Helwig

Ein ungemachtes Bett – Seit Tracey Emin ihre Liebhaber hindurch schleuste, weiß man, wovon die zerwühlten Laken Zeugnis ablegen können. Solch frivole Ambitionen würde man dem ehrwürdigen Berliner Realisten Adolph von Menzel (1815-1905) wohl nicht unterstellen wollen. Sein „Ungemachtes Bett“, im Rahmen der 6. Berlin Biennale in der Alten Nationalgalerie zu sehen, ist eine famose Studie von Falten, die sich in Licht und Schatten legen, während der Bettinhaber schon in der Fabrik malocht. Von Menzel wandte sich nämlich in seiner Arbeit dem täglichen Leben zu und malte die Menschen bei der Arbeit, so in der Ikone der Industrialisierung, dem „Eisenwalzwerk“, das ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. Seit Gustave Courbet in Frankreich in der Mitte des 19. Jhs einfache Arbeiter auf dem Feld gemalt hatte, war der Grundstein zum – politisch brisanten – Realismus in der Malerei gelegt. Viele folgten seinem Ansatz, der zum hehren Klassizismus oder der zartschmelzende Romantik im krassen Gegensatz stand, zeigte er doch Blut, Schweiß und Tränen, Stullen, Laken und Jauchfässer. Schön ist die Wirklichkeit nicht! Ist sie es heute?
Die 6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, kuratiert von Kathrin Rhomberg, versucht, der Frage nach dem Wesen der Wirklichkeit auf die Spur zu kommen und versammelt vom 11. Juni bis zum 8. August 2010 an mehreren Orten in Berlin zahlreiche künstlerische Positionen zur Gegenwart. Michael Schmidts fotografische Arbeiten stellen den ersten künstlerischen Beitrag zur Biennale dar und werden sie während ihrer gesamten Dauer im öffentlichen und medialen Raum begleiten. Der Realität der heutigen Kunstproduktion konnte man im Vorfeld bei den „Artists Beyond“- Atelierbesuchen begegnen. Gab es aufgebrochene Raviolidosen, ranzige Sofas und überquellende Aschenbecher? Ich wette, ja. Von Menzel wäre begeistert gewesen.

6. Berlin Biennale vom 11. Juni bis 8. August

Ausstellungsorte:

KW Institute for Contemporary Art

Auguststr. 69, 10117 Berlin-Mitte
Di–So 12–19h, Do 12–21h, Eintritt: 6 €, erm. 4 €
www.kw-berlin.de

„Menzels extremer Realismus“

Alte Nationalgalerie (Museumsinsel)
Bodestraße 1–3, 10178 Berlin-Mittte
Di–So 10–18h, Do 10–22h, Eintritt: 8 €, erm. 4 €
www.smb.museum/smb

Oranienplatz 17, 10999 Berlin-Kreuzberg
Dresdener Str. 19, 10999 Berlin-Kreuzberg
Kohlfurter Straße 1, 10999 Berlin-Kreuzberg
Mehringdamm 28, 10961 Berlin-Kreuzberg

Weitere Informationen: www.berlinbiennale.de

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